Freigeistiges über die Affen im Zoo, das Vaterland und den Selbstzufriedenen…

Im Zoo. – Alle Tiere benehmen sich zurückhaltend, außer den Affen. Man spürt, dass der Mensch nicht fern ist.

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Ein Buch muss Wunden aufwühlen, sogar welche verursachen. Ein Buch muss eine Gefahr sein.

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Als man ihm den Schierlingsbecher bereitete, lernte Sokrates gerade eine Melodie auf der Flöte. »Was hast du davon?« fragt man ihn. – »Dass ich diese Melodie kann, bevor ich sterbe.« Wenn ich an diese von den Lehrbüchern trivialisierte Antwort zu erinnern wage, so deshalb, weil sie mir als die einzig ernsthafte Rechtfertigung jedes Erkenntniswillens erscheint – einerlei, ob er sich nun an der Schwelle des Todes oder in irgendeinem anderen Augenblick einstellt.

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Ein Mensch, der etwas auf sich hält, hat kein Vaterland.
Ein Vaterland, das ist Vogelleim.

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All diese harten, bösen Augen. Man wagt es nicht, sich ihren Ausdruck bei einem Aufruhr vorzustellen. Das Wort »Nächster« hat in einer großen Stadt keinen Sinn mehr. Es ist eine Vokabel, die in ländlichen Zivilisationen berechtigt war, wo die Leute sich genau kannten und sich in Ruhe lieben und hassen konnten.

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Den Ruhm begehren, das heißt, lieber verachtet als vergessen sterben zu wollen.

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Die zwei größten Weisen der ausgehenden Antike: Epictet und Marc Aurel, ein Sklave und ein Kaiser.

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Leben heißt, sich empören können.
Der Weise ist ein Mensch, der sich nicht mehr empört. Darum steht er nicht über, sondern »neben« dem Leben.

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Die Bedeutung der Schlaflosigkeit in der Geschichte. Von Caligula bis Hitler.
Die Unmöglichkeit zu schlafen – ist sie der Grund oder die Folge der Grausamkeit? Der Tyrann wacht, das kennzeichnet ihn schlechthin.

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Im »Warten« offenbart sich, enthüllt sich das Wesen der Zeit. Welche Überlegenheit, auf nichts mehr zu warten!

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Der Mensch, der mich am meisten deprimiert, ist der Selbstzufriedene. Ich kann mich nicht in seine Beweggründe hineindenken, sein Erfolg ist für mich nichtig, die Eitelkeit, die er daraus schöpft, kommt mir lächerlich vor, auch wenn sie allen anderen legitim
erscheint.
Für mich ist jeder äußere Erfolg schlimmer als ein Scheitern, und ich habe Mitleid mit jedem, der nach den Maßstäben der Welt reüssiert.

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Ich verabscheue es, Einfluss auszuüben – dennoch möchte ich »eine bedeutende Persönlichkeit« sein – dank meiner Unwirksamkeit.
Geister verwirren, ja, sie leiten, nein.

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Ich denke immer mehr über die sinnlosen, nutzlosen Leiden nach, und ich lehne mich gegen die christliche Illusion auf, die ihnen allen eine große, ungeheure Bedeutung verleiht.

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Der Neid ist das »natürlichste« Gefühl, das universellste auch, denn sogar die Heiligen haben sich gegenseitig beneidet. Zwei Menschen, die das gleiche tun, sind virtuell Feinde. Ein Schriftsteller kann aufrichtig einen Torero bewundern, aber nicht einen Kollegen.

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Die Wahrheit liegt nicht in der Reaktion noch in der Revolution. Sie besteht in der Infragestellung der Gesellschaft sowie derer, die sie abgreifen.

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Papst Innozenz IX. hatte ein Selbstbildnis bestellt, auf dem er auf dem Todeslager abgebildet war und das er sich stets anschaute, wenn er eine wichtige Entscheidung treffen musste.

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Der Schmeichler gehört zum Schlimmsten auf der Welt. Man kann sicher sein, dass er uns bei der ersten Gelegenheit einen Schlag versetzen, sich dafür rächen wird, vor uns im Staub gekrochen zu sein. Und da er sich vor jedem erniedrigt…
Die Schmeichler sind immer Verräter. Ich habe sie immer verachtet, ihnen aber nicht genügend misstraut. Zu unserem Unglück ertragen wir besser einen Komplimentemacher als jemanden, der uns wahre, also unangenehme Dinge über uns sagt. Wir selbst also begünstigen, ermutigen unsere schlimmsten Feinde.

E. M. Cioran, Freigeist.
Aus:  »Cahiers«, 1957-1972)