Archiv für den Monat: Juni 2010

Freigeist-Exkurs: Über kleine Prinzen, Händler, Weichensteller und Selbstverwirklicher…

 

Diagnose: Ausgebrannt
Volkskrankheit Burnout: Immer mehr Menschen kommen mit dem hohen Leistungsdruck, den hohen Ansprüchen ihres Chefs und der Konkurrenzsituation am Arbeitsplatz nicht mehr klar – und werden krank. Persönliche Unzulänglichkeiten? Nein, sagen Psychologen: Burnout ist die Folge eines Systems, das nur Leistung und Erfolg kennt. (…)

ff – Das Südtiroler Wochenmagazin, Ausgabe 25 vom 14. Juni 2010


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»Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte der Weichensteller.
»Was machst du da?« sagte der kleine Prinz.
»Ich sortiere die Reisenden nach Tausenderpaketen«, sagte der Weichensteller.
»Ich schicke die Züge, die sie fortbringen, bald nach rechts, bald nach links.«
Und ein lichterfunkelnder Schnellzug, grollend wie der Donner, machte das Weichenstellerhäuschen erzittern.
»Sie haben es sehr eilig«, sagte der kleine Prinz. »Wohin wollen sie?«
»Der Mann von der Lokomotive weiß es selbst nicht«, sagte der Weichensteller.
Und ein zweiter blitzender Schnellzug donnerte vorbei, in entgegengesetzter Richtung.
»Sie kommen schon zurück?« fragte der kleine Prinz.
»Das sind nicht die gleichen«, sagte der Weichensteller. »Das wechselt.«
»Waren sie nicht zufrieden dort, wo sie waren?«
»Man ist nie zufrieden dort, wo man ist«, sagte der Weichensteller.
Und es rollte der Donner eines dritten funkelnden Schnellzuges vorbei.
»Verfolgen diese die ersten Reisenden?« fragte der kleine Prinz.
»Sie verfolgen gar nichts«, sagte der Weichensteller.
»Sie schlafen da drinnen, oder gähnen auch. Nur die Kinder drücken ihre Nasen gegen die Fensterscheiben.«
»Nur die Kinder wissen, wohin sie wollen«, sagte der kleine Prinz. »Sie wenden ihre Zeit an eine Puppe aus Stoff-Fetzen, und die Puppe wird ihnen sehr wertvoll, und wenn man sie ihnen wegnimmt, weinen sie…«
»Sie haben es gut«, sagte der Weichensteller.

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»Guten Tag«, sagte der kleine Prinz.
»Guten Tag«, sagte der Händler.
Er handelte mit höchst wirksamen, durststillenden Pillen. Man schluckt jede Woche eine  und spürt überhaupt kein Bedürfnis mehr zu trinken.
»Warum verkaufst du das?« sagte der kleine Prinz.
»Das ist eine große Zeitersparnis«, sagte der Händler.
»Die Sachverständigen haben Berechnungen angestellt. Man erspart dreiundfünfzig Minuten in der Woche.«
»Und was macht man mit diesen dreiundfünfzig Minuten?«
»Man macht damit, was man will…«
»Wenn ich dreiundfünfzig Minuten übrig hätte«, sagte der kleine Prinz, »würde ich ganz gemächlich zu einem Brunnen laufen…«

Antoine De Saint-Exupéry, Freigeist.

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LITANEI

Wir verwirklichen uns nie.
Wir sind zwei Abgründe – ein Brunnen,
der in den Himmel schaut.

Fernando Pessoa, Freigeist.