Archiv für den Tag: 20. Juli 2010

Inquisition ist… ? Freigeistige Variationen über Ernstzunehmendes…


“ Ich bin ein tiefer Schatten: hört auf, mich zu quälen. „

Giordano Bruno zum Inquisitionstribunal. (vor der Urteilsverkündigung)
“ Vielleicht hattet ihr größere Furcht, da ihr euer Urteil verkündetet, als ich, da ich es hörte. „

Giordano Bruno zum Inquisitionstribunal.
(nach der Urteilsverkündigung)  

“ Acht Jahre dauerte sein Prozess, die Richter des Inquisitionstribunals hatten es nicht eilig.
In den frühen Morgenstunden des 17. Februar 1600 fuhr ein Karren mit zwei großen Rädern, von zwei Ochsen gezogen, aus dem Gefängnis vor. Die Menschengruppen, die auf dem Campo dei Fiori den Scheiterhaufen umstanden, hatten nicht Beschimpfungen im Sinn, ganz im Gegenteil – sie waren auf einmal von Sprachlosigkeit ergriffen. Es nieselte leicht. 

Der völlig entkleidete Bruno beschritt, fröstelnd und zitternd, allein den Holzstoß; die Öffnung wurde hinter ihm zugleich verschlossen. Totenglocken erschollen. Schnell entzündete sich der Reisig, aber es züngelte erfolglos an den nassen Scheiten. Kein Wort der Klage war zu hören. Lange sah man sein verrußtes, bewegungsloses Gesicht. Schließlich loderten die Flammen auf und bald begruben die glühenden Holzscheite den schwindenden  Körper des Apostolaten unter sich.

In der Taverne an der Straßenecke zur Piazza Farnese stürzte Caravaggio den Rotwein becherweise hinunter, als läge ihm daran, sich rasch zu berauschen. Der Meister von Licht und Schatten in der Malerei starrte mit trübem, vielleicht auch tränenverhangenem Gesicht auf das Feuer, das die Überreste des tiefen Schattens verzehrte. „

Gustaw Herling, Freigeist. (Aus: »Tagebuch bei Nacht geschrieben«, 1984-1995)

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DIE INQUISITION UND IHRE OPFER

Hysterie des politischen Mordens zeigt an, dass Unhaltbares gehalten werden soll. Die Morde sind Rache dafür, dass man im Innersten hilflos ist. Die zersetzende Kraft, die man den Renegaten zuschreibt, wirkt im eigenen Zentrum, wird hinausprojiziert und in anderen, den Opfern, umgebracht.

Gerhard Amanshauser, Freigeist. (Aus: »Satz und Gegensatz«, Salzburg 1972)

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“ Vor dem Nationalsozialismus und seinem Völkermord kannte Europa keine Art der Gewaltherrschaft, die der 500-jährigen Geschichte der Inquisition ebenbürtig gewesen wäre. Der Historiker Henry Charles Lea, ein ausgewiesener Fachmann für mittelalterliche Geschichte, nannte die Inquisition eine  »einzigartige Verhöhnung der Gerechtigkeit – vielleicht die frevelhafteste, die je von Menschen mit  willkürlicher Grausamkeit ersonnen wurde. Fanatischer Eifer und unersättliche Habgier wetteiferten miteinander beim Aufbau eines Systems von unaussprechlicher Scheußlichkeit.« Die Inquisition wurde ursprünglich eingesetzt, um die allgemeine Anerkennung der Kirche, die vom Volk abgelehnt wurde, zu erzwingen.

Die Macht der Inquisition wurde durch eine Reihe päpstlicher Bullen errichtet und ständig ausgeweitet. Die Inquisition war ein ungeheuer ausgefeiltes Erpressungsgeschäft; sie diente in erster Linie dem Profit. Die Habe eines Angeklagten wurde nach seiner Festnahme unverzüglich konfisziert; offenbar ist nie etwas zurückgegeben worden. Von den Angeklagten wurde erwartet, dass sie für die Kosten ihrer Haft selbst aufkamen; sogar die Kosten ihrer eigenen Folter mussten sie tragen. Der Hexen- bzw. Ketzerprozeß war eine einzige Farce. Die Angeklagten hatten keine Verteidiger. Die Inquisition wurde geschaffen, um den Krieg der Kirche gegen die desillusionierte Bevölkerung zu gewinnen.

Der Chronist der Stadt Trier berichtet, dass die Inquisitoren im Jahr 1568 die weibliche Bevölkerung zweier Dörfer vollständig ausrotteten, lediglich zwei Frauen ließ man am leben. In Quedlinburg, einer 12000-Seelen-Gemeinde, wurden an einem einzigen Tag 133 Menschen verbrannt, wer nach Lothringen reiste, konnte überall Tausende und Abertausende von Scheiterhaufen und darauf gefesselte Hexen sehen. Im Verlauf des Jahres 1524 starben in Como 1000 Hexen. Straßburg verbrannte 5000 innerhalb von 20 Jahren. Der Senat von Savoyen verurteilte 800 Hexen auf einen Schlag. Paramé bestätigt, das während des 15. Jahrhunderts mehr als 30 000 Hexen hingerichtet wurden: 500 wurden innerhalb dreier Monate in Genf hingerichtet, 400 in einem Tag in Toulouse. Die Stadt Trier verbrannte 7000 Hexen, der Bischof von Würzburg ließ 1900 Hexen in nur fünf Jahren verbrennen. Das ganze christliche Europa war gut 5 Jahrhunderte in dieses Morden verstrickt.

Sadistische sexuelle Perversion war zweifellos die Hauptantriebskraft aller Hexenjagden. Mit Vorliebe traktierten die Folterknechte mit rot glühenden Eisen und Zangen aller Art Brüste und Genitalien der Frauen. Nach den Gesetzen der Inquisition durften kleine Mädchen wegen des Verdachts auf  Zauberei ein ganzes Jahr früher als kleine Jungen verfolgt und gefoltert werden – mit neuneinhalb; für Jungen galt das Alter von zehneinhalb Jahren. Hexenjagden waren im Allgemeinen gegen das weiblich Geschlecht gerichtet, und die unterwürfige Hilflosigkeit der eingekerkerten und gefolterten Frauen ermutigte beständig zu sexuellem Missbrauch und allen nur denkbaren Vergehen. Im ausgehenden 14. Jahrhundert wurde es üblich, »eifrigen Katholiken« den »Besuch« der in Einzelzellen untergebrachten Häftlinge zu genehmigen. Bei den Häftlingen handelte es sich überwiegend um Frauen, als Besucher waren Frauen nicht zugelassen.

Sind religiöse Institutionen im Prozess ihrer Machtkonsolidierung je humaner gewesen als säkulare Mechanismen in einem vergleichbaren Stadium? Die Mordlust, die die Söhne des Propheten an den Tag legten, hatten die Christen mit ihrer Liquidierung von Ketzern und Heiden etwas mindestens Ebenbürtiges zur Seite zu stellen. Die kulturellen Hintergründe der vergangenen und gegenwärtigen Diktatorengenerationen bieten Interessantes Material für Spekulationen. Mussolini, Franco, Salazar, Hitler, Perron und nahezu alle lateinamerikanischen Diktatoren waren oder sind römische Katholiken – zumindest was ihre Herkunft und Erziehung betrifft. Und Stalin hatte eine gründliche Ausbildung für das Priesteramt einer vergleichbar diktatorischen Kirche genossen. Wer mit solchen Tatsachen konfrontiert wird, muss sich zumindest die Frage nach den kausalen Zusammenhängen stellen, die hier durchscheinen…

George. B. Vetter, Magic and Religion

Die Inquisition blieb bis 1834 in Kraft. Die Erlasse, auf die man die Inquisition gründete, sind nie aufgehoben worden. Sie bilden »offiziell einen festen Bestandteil des katholischen Glaubens« und wurden noch 1969 zur Rechtfertigung bestimmter Praktiken herangezogen. „

Barbara G. Walker, Freigeist. (Aus: »The Woman’s Encyclopedia of Myths and Secrets«, New York 1983)

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“ Viel hunderttausendmal Gut‘ Nacht, meine vielgeliebte Tochter Veronika.  Ohne Schuld hat man mich ins Gefängnis geworfen,  ohne Schuld hat man mich gefoltert,  ohne Schuld muss ich sterben.
Denn wer immer in ein Hexengefängnis kommt, der muss Hexe werden oder er wird gefoltert, bis er etwas erfindet und – Gott erbarm sich seiner –  ein Geständnis ablegt.  Ich will dir schreiben, wie es mir ergangen ist: Der Scharfrichter hat mir Daumenschrauben angesetzt,  beide Hände haben sie dergestalt gepresst, dass mir das Blut aus den Nägeln quoll.  Vier Wochen konnte ich meine Hände nicht benutzen;  du siehst es an meiner Handschrift.  Danach haben sie mich entkleidet,  mir die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden  und mich schließlich der Hängefolter unterzogen.  Ich meinte, Himmel und Erde seien zu Ende,  achtmal haben sie mich hochgezogen und wieder fallen lassen,  und ich habe schreckliche Schmerzen gelitten.  Der Scharfrichter sagte, »Mein Herr, ich bitte Sie,  gestehen Sie um Gottes Willen etwas, sei es wahr oder nicht.  Erfinden Sie etwas, denn Sie werden die Folter, die man Ihnen antun wird,  nicht ertragen können. Und selbst wenn Sie es ertragen sollten,  können Sie nicht entkommen.«

Nun mein liebes Kind, hier hast du das ganze Geständnis,  um dessentwillen ich sterben muss.  Und so wahr mir Gott helfe, es sind schiere Lügen und erfundene Dinge.  Denn die Angst vor der Folter hat es mir abgepresst,  die Angst vor der Folter, die mir über das bereits erlittene hinaus angedroht wurde.  Denn sie lassen niemals von der Folter ab,  ehe jemand ein Geständnis abgelegt hat;  er mag so gut sein, wie er will, er muss eine Hexe sein.  Niemand entkommt.

Liebes Kind,  verberge diesen Brief gut, dass niemand ihn finden kann,  sonst wird man mich ganz erbarmungswürdig foltern,  und meine Kerkerwächter würden enthauptet. So streng ist es verboten.  Es hat mich mehrere Tage gekostet, dies zu schreiben;  meine Hände sind beide gelähmt.  Ich bin in einer traurigen Lage.  Gute Nacht, denn Dein Vater Johannes Junius wird dich niemals wiedersehen.

Liebes Kind,  sechs Zeugnisse werden gegen mich abgelegt.  Ein jedes davon ist falsch und erpresst;  ihre Urheber gestanden es mir und baten mich um Gottes Willen um Vergebung,  bevor sie hingerichtet würden. „

(Dieser Brief wurde im Jahre 1628 aus dem Bamberger Gefängnis herausgeschmuggelt.  Sein Verfasser war ein Mann von Stand, der Bürgermeister Johannes Junius, dessen  Besitz von der Inquisition konfisziert worden war.)

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“ Die Spanische Inquisition ist untrennbar mit der Geschichte der spanischen Juden verbunden. Nach schweren Pogromen 1391 auf fast der gesamten Iberischen Halbinsel waren viele von ihnen zum Christentum konvertiert, um weiteren Übergriffen zu entgehen.  Zunächst erhielten diese Neuchristen, die conversos, auch Zutritt zu öffentlichen Ämtern und gesellschaftlichen Bereichen, die ihnen vorher verschlossen gewesen waren: Sie durften Handelsgilgen beitreten, Universitäten besuchen, und konvertierte Juden wurden gar in hohe kirchliche Ämter berufen.

Doch eine böse Frage fraß sich wispernd durch die Gesellschaft: Wie konnte man sicher sein, dass die ehemaligen Juden nicht weiterhin im Verborgenen der Religion ihrer Väter anhingen? Wer sagte denn, dass das nicht alles nur Tarn-Christen waren, verschlagene Opportunisten, die sich zum Schein hatten taufen lassen; um tagsüber Macht und Geld anzuhäufen und abends verstohlen in die Synagoge zu gehen oder gar in Geheimbünden ihre Rituale und vielleicht noch viel Schlimmeres zu vollziehen? Die Conversos waren bald ebenso verhasst wie die Juden.

Nachdem 1474 Isabella den Thron Kastilliens bestiegen hatte, bat sie den Heiligen Vater in Rom, selbst Glaubensrichter für ihr Land bestimmen zu dürfen. Denn die Klagen etwa ihres Beichtvaters über die héretica pervedad, die »ketzerische Verderbtheit« mancher Conversos, mehrten sich. Bis dahin hatte die  Inquisition – jene römische Behörde, die über die Reinheit des »heiligen katholischen Glaubens« wachte – in Kastillien noch keine Glaubensgerichte installiert. 1478 erteilte der Papst Isabella die Erlaubnis zur Berufung von Inquisitoren – und überließ damit erstmals ein geistliches Zuchtmittel einer weltlichen Instanz.

Ab 1481 erfasste die erste »Reinigungswelle« das Land. Allein in Sevilla wurden bis 1488 rund 700 »Judaisierende« verbrannt, 5000 Menschen mit der Kirche »ausgesöhnt«, was ein höhnischer Euphemismus ist: Die Verurteilten wurden in demütigen Prozessen etwa zu Galeerendienst oder Kerker verurteilt und verloren oftmals ihr Vermögen.

In dieser Zeit gründeten Isabella von Kastillien und ihr Gemahl Ferdinand von Aragón den consejo de la santa y suprema inqiisición (»Rat der heiligen und allerhöchsten Generalinquisition«, kurz: Suprema), der in beiden Reichsteilen die Arbeit von bald 15 lokalen Tribunalen überwachte. An die Spitze der Suprema berief das Königspaar 1481 Isabellas langjährigen Beichtvater Tomás de Torquemada und machte den fast 60 Jahre alten Dominikanermönch damit zum mächtigsten Beamten des gemeinsamen Reiches. Seine Aufgabe sah er darin, »den christlichen Acker vom Unkraut« zu befreien.  Als im Januar 1492 der Halbmond auf der Alhambra dem silbernen Kreuz wich, kam Torqemada seinem Ziel einen großen Schritt näher. Nur drei Monate später forderten Isabella und Ferdinand alle Juden auf, sich entweder Taufen zu lassen oder binnen vier Monaten das Land zu verlassen.

Spätestens jetzt wurden Monarchie und Inquisition zu Zwilligssäulen einer uniformen, katholisch-christlichen Gesellschaft. Denn längst überwachte die Suprema nicht nur die Conversos: Jeder Christ musste fürchten, wegen einer Bemerkung oder durch Denunziation missgünstiger Nachbarn vors Tribunal gezerrt zu werden. Und jeder Feind des rechten Glaubens war zugleich Staatsfeind.  So wurde die spanische Inquisition zu einer furchterregenden Macht – nicht zuletzt, weil in dieser Institution  geistliche und weltliche Interessen miteinander verquickt waren. Sie kombinierte, so der Historiker John Edwards, »auf unbehagliche Weise die Funktionen eines Gerichtshofes und eines Beichtstuhls«.

Es war die heilige Pflicht eines jeden Christen, selbst die eigenen Eltern oder Kinder anzuzeigen, wenn er sie der Häresie für schuldig hielt. Doch schon bald machten die Prozesse gegen die »Judaisierenden« nur noch ein Teil der Arbeit aus; die Suprema entwickelte sich zu einem Polizeigericht in Moralfragen, das jede Abweichung von Lebensnormen verfolgte und gegen Bigamisten, Homosexuelle, Muslime und Lutheraner vorging. Und sie avancierte zur zentralen Zensurbehörde von Druckerzeugnissen: Jedes Schriftstück, das im spanischen Weltreich veröffentlicht wurde, war einem Inquisitor vorzulegen.

Das letzte Todesurteil verhängen die Inquisitoren gegen den Lehrer Miguel Toranzo, der zum FREIDENKER geworden war. Er wird am 26. Juli 1826 hingerichtet.

Toranzos Exekution ist zugleich das Ende der spanischen Inquisition: Empört über deren Härte, unterbindet der spanische König die weitere Arbeit der Suprema. Formal bleibt sie indes bestehen. Erst acht Jahre später, am 15. Juli 1834, löst die Regentin Maria Christina, die für ihre minderjährige Tochter Isabella II. herrscht, die spanische Inquisition endgültig auf – nach 356 Jahren. „

Alex Rühle, Feuilletonredakteuer der »Süddeutschen Zeitung«.
Olaf Mischer, Vertifikationsredakteur bei »
GEOEPOCHE«.
(Aus: »Als Spanien die Welt beherrschte«, 2008)