Der Papst als Prügelknabe
Fünf Jahre Ratzinger: Der „pastore tedesco“, wie man ihn seit seiner Wahl giftig nennt, bezieht Position und fordert zum Denken auf, anstatt den schnellen Applaus zu suchen.
Sein Vorgänger war ein Superstar. Wie alle Superstars brauchte Johannes Paul II. nur öffentlich in Erscheinung treten, um für Verzückung zu sorgen. Da fragte keiner nach, wie er das oder jenes genau gemeint haben könnte. Er sagte eh nichts anderes als Halleluja und Friede in der Welt. Aber das genügte. (…) Ratzinger ist das Gegenteil von dem, was wir Zeitgeist nennen. Er sagt nicht das, was die Leute hören wollen, sondern das, wovon er selbst überzeugt ist. Eine Seltenheit heutzutage. (…) Josef Ratzinger mag ein unsympathischer Deutscher sein. Und mit den Inhalten, die er vertritt, mag man meist nicht einverstanden sein. Aber dieser Papst fordert heraus: zum Denken, zum Streiten, zur Widerrede. Das heißt, er würde es tun, wenn man ihm zuhören würde. Aber wer hört denn heutzutage schon einem Papst zu?
Joseph Ratzinger, »Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis«, 1977
Dabei ging man immer davon aus, dass es sich bei dieser Theokratie nur formal um eine absolute Wahlmonarchie handelt. Dem Papst wurde nicht die Funktion eines Monarchen zugeschrieben, sondern die eines geistlichen Führers von einer Milliarde Katholiken rund um den Globus (mehr als 17 % der Weltbevölkerung). Ein Oberhaupt, das sich um so profane Dinge wie Geld und Finanzgeschäfte gar nicht kümmert. Tatsächlich aber verfolgte Johannes Paul II. sehr genau, was sich da abspielte und im Staatssekretariat, seiner wichtigsten Behörde, für Unruhe sorgte. Er war in alles eingeweiht und wusste auch von den Überprüfungen, die schließlich die Geheimkonten des IOR (Institut für die Werke der Religion, Vatikanbank) ans Licht brachten. Dies belegen die Berichte zur Enimont-Schmiergeldaffaire und zum parallelen IOR, die Caloia in den neunziger Jahren an den päpstlichen Sekretär Dziwisch schickte. Zu allen wichtigen Fällen wurden dem Papst vertrauliche Dossiers vorgelegt, er bestimmte die Handlungsstrategien des Staatssekretariats. Außerdem verfügte er persönlich über enorme Geldsummen, mit denen die polnische Gewerkschaft Solidarność unterstützt wurde. Diese Gelder stammten aus der Privatschatulle des Heiligen Vaters. Sie standen ausschließlich ihm zu Verfügung und tauchten somit auch nicht in den offiziellen Bilanzen auf, die der Heilige Stuhl jedes Jahr veröffentlicht.
Dieser Privatfonds des Papstes zählt zu den vielen Geheimnissen der katholischen Kirche. Es ist allgemein bekannt, dass der Papst persönlich über Gelder für gute Werke und wohltätige Zwecke verfügt. Über Herkunft und Umfang dieser Beträge lässt sich allerdings nur spekulieren. Es gibt weder Belege für ihre Verwendung noch Hinweise auf ihren Ursprung und ihre Verbuchung. Der Grund dafür liegt in dem verkrampften Verhältnis der Kirche zum Geld, das sich in vielen ihrer Handlungs- und Verhaltensweisen spiegelt: Der Vatikan möchte nicht preisgeben, woher seine Gelder stammen und wohin sie gehen, und auch bei der Frage nach seinem Firmenimperium, das in den verschiedensten Bereichen aktiv ist, vom religiösen Tourismus bis zur Kranken- und Altenpflege, gibt er sich zugeknöpft. Weder legt er seine Konten offen, noch ist er bereit, für einzelne Rechnungsposten und einzelne Diözesen anzugeben, wie viel Geld über Spenden, Vermächtnisse und Nachlässe für wohltätige Zwecke in seine Kassen fließt.
Also nur halbe Informationen, lückenhafte Angaben. Detailliert werden die Einnahmen aus der Vatikandruckerei und die Erlöse aus dem Verkauf der Museumstickets aufgeschlüsselt, über die Gewinne der eignen Bank jedoch dringt nichts nach außen. Akribisch genau werden die Kosten für das Papier der Sonderbriefmarken beziffert; aber wie viele Papiere mit Wasserzeichen in den Tresoren der Bank liegen, die »nicht der öffentlichen Verwaltung des Vatikanstaats, sondern unmittelbar dem Papst unterstellt ist«, erfährt man nicht. »Wir unterstehen direkt dem Heiligen Vater«, erklärte Caloia 1998, »dem wir die jährlichen Gewinne ausschütten.«
Bei der Präsentation der konsolidierten Jahresbilanz fehlen viele, allzu viele Posten. Die wichtigen Sparten – das Governatorat, also die Verwaltung der Vatikanstadt; das IOR; sämtliche Unternehmen im Besitz der Kirche, die im religiösen Tourismus, in der Immobilienbranche und auf dem Finanzsektor weltweit operieren – bleiben außen vor. Ein Bilanzbuch der katholischen Kirche wiese viele leere Seiten auf. Neben dem Privatfonds des Papstes fehlen auch die Soll- und Habenstände der Pfarreien und Ordensinstitute.
Aber deshalb werden manche Bilanzen verschwiegen, und welche genau? Auch auf diese Frage gibt Dardozzis eindrucksvolles Archiv eine Antwort. Seine Dokumente werfen ein Schlaglicht auf die geheime Buchführung des Heiligen Stuhls und machen die Bilanzen und das Stillschweigen, das sie umgibt, verständlicher.
Gehen wir also zurück in das Jahr 1993, dessen Bilanz Mitte Juni 1994 den Journalisten vorgestellt wurde. Nach langen Jahren der Krise hatte der Vatikan kein Defizit mehr. Der Überschuss betrug 2,4 Milliarden Lire. Ein gesunder Haushalt. In den sieben Verwaltungsbereichen, die in der Bilanz ausgewiesen waren, standen sich Ausgaben in Höhe von 263,4 Milliarden Lire und Einnahmen von 265,8 Milliarden gegenüber. Der Immobiliensektor mit seinem Plus von 90,4 Milliarden und die Wertpapierverwaltung mit 21,8 Milliarden waren besonders erfolgreich. Nicht zu vergessen seien die 5,8 Milliarden des Governatorats, mahnten die Zeitungen, sowie der Peterspfennig. Das ist eine Kollekte, die weltweit am 29. Juni, dem Fest des Apostel Petrus und Paulus, abgehalten wird und im Jahr 1993 94,4 Milliarden Lire einbrachte. Zu dem Überschuss von 2,4 Milliarden mussten also die 5.8 Milliarden des Governatorats addiert werden.
Rechnet man die 72,6 Milliarden Lire des IOR zu den 4,4 Milliarden aus den Spenden des Peterspfennig hinzu, dann konnte Johannes Paul II. im Jahr 1994 über eine Privatschatulle von 166,9 Milliarden Lire (121,3 Millionen Euro) für wohltätige Zwecke und gute Werke verfügen.
Das IOR ist also für den Papst eine gute Einnahmequelle. In den nachfolgenden Jahren stieg diese Summe noch weiter. Für das Jahr 1994 weisen die Dokumente aus Dardozzis Archiv einen Nettogewinn von 75 Milliarden Lire aus, für 1995 sogar 78,3 Milliarden Lire. Im Februar 1996 schrieb Caloia an Sodano, die Bank könne »der Kardinalskommission sie Summe von 78,3 Milliarden zu Verfügung stellen, bei einem Bruttogewinn von 231 Milliarden«. Darüber hinaus erhielt jeder Kardinal »eine Summe von 50 Millionen für gute Werke« wie Caloia Sodano mitteilte. Diese Zuwendungen erfolgten als »Anerkennung der Tätigkeit der Kardinäle« in den Kommissionen, deren Aufgaben es war, die Tätigkeit der Bank zu kontrollieren. Im Parlament heißt das ganz profan Sitzungsgeld.
Die Reserven sind beträchtlich: 340,6 Millionen Euro in bar und fast 520 in Wertpapieren und Aktien, dazu Goldreserven und Einnahmen aus Immobilienbesitz. Dem Haushaltsbericht zufolge besitzt die katholische Kirche in England, Frankreich und der Schweiz Immobilien und Grundstücke im Wert von 424 Millionen Euro. Diese Summe kann man aber getrost erhöhen, wenn man die Wertentwicklung auf den Immobilienmärkten berücksichtigt. Propaganda Fide zum Beispiel, die Kongregation für die Evangelisierung der Völker, besitzt Immobilien und Grundstücke im Wert von 53 Millionen Euro, fast alle davon in Italien. Aus dieser Quelle sprudelten im Jahr 2007 rund 56 Millionen Euro in Form von Vermietung und Verpachtung sowie weitere 950.000 Euro als Einkünfte aus landwirtschaftlichen Betrieben. “
- 2 Millionen € für den Bau von Gotteshäusern etc.
Rechnet man einen Großteil jener eineinhalb Milliarden der öffentlichen Finanzierung des Gesundheitssektors hinzu, in dem auch katholische Einrichtungen tätig sind, kommt man leicht auf mindestens 3 Milliarden € pro Jahr. Aber das ist noch längst nicht alles, denn hinzugerechnet werden müssen auch die Einnahmen, die dem Staat durch die vielfältigen Steuerbefreiungen der Kirche entgehen, insgesamt mehr als 6 Milliarden €. “
Deutsche Ausgabe: © 2010 Ecowin Verlag, Salzburg
Italienische Ausgabe: © 2009 »Vaticano S.p.A.« bei Chiarelettere editore srl, Mailand
” Ein Buch, wie es noch kein anderes zuvor gegeben hat. Es gewährt Zugang zum Geheimarchiv Monsignor Dardozzis, einem der wichtigsten Mitarbeiter der Vatikanbank, und deckt die waghalsigen Finanzgeschäfte des IOR auf.
Eine hier erstmals offengelegte Geschichte, die ein ganz neues Licht auf die Gegenwart wirft. “
L’ Arena
Der Finanzpolizei bleibt der Zugang zu Konten und Unterlagen dennoch weiterhin versperrt. »Das Stillschweigen schützt das Vertrauensverhältnis zu den Gläubigen, um Schäden zu vermeiden«, schreibt Nuzzi im Vorwort seines Buchs. »Nicht zuletzt nützt diese Verschwiegenheit aber auch den Seilschaften der Kardinäle und hilft ihnen, ihre Machtposition weiter zu festigen«. “