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Freigeistiger Diskurs über die Familie, Einzel- und Zweipersonenhaushalte…

Öffentliches Gut Landschaft

(…) Für Mals traten folgende Entwicklung (seit Anfang der 70er Jahre) ein: Starker Rückgang der Ackerflächen und der Rinder haltenden Betriebe (während die Rinderanzahl stark gewachsen ist), Rückgang der Landwirtschaftsbetriebe, der Klein- und Kleinstbauern. Die Siedlungsfläche wurde extrem vergrößert, die Anzahl der Haushalte stieg (von 1971 bis 2001 um 70 Prozent!), während die Bevölkerung nur unwesentlich gewachsen ist. Grund dafür ist der Rückgang der Großfamilien und die wachsende Anzahl von Einzel- und Zweipersonen-Haushalten. (…)

Der Vinschger, Ausgabe 4/10 – 03.02. 2010




Das Zölibat ist strukturelle Gewalt Bruno Ix, 71, ist katholischer Pfarrer im Bistum Aachen und darf mit Billigung der Kirche mit zwei Kindern und seiner Haushälterin gemeinsam im Pfarrhaus leben.
SPIEGEL: Der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hat sich im SPIEGEL-Gespräch gegen „Denkverbote“ in der Kirche gewandt. Worüber wollen Pfarrer wie Sie denn offen denken dürfen?
Ix: Über das Zölibat, Frauenpriestertum, die Ausgrenzung von Wiederverheirateten, das gemeinsame Abendmahl katholischer und evangelischer Christen. Ich will darüber nicht nur denken, sondern mich auch offen und ohne Angst vor den Angriffen katholischer Fundamentalisten austauschen können.
SPIEGEL: Was spricht aus der Sicht eines Pfarrers gegen das Zölibat? Ix: Zölibatär lebende Priester und verheiratete Priester sollten gleichwertig in unserer Kirche tätig sein. Das wäre eine Bereicherung für die katholische Kirche. Das bestehende Zwangszölibat ist strukturelle Gewalt, da Priester an Leib und Seele schweren Schaden nehmen können. Unsere Kirche könnte mit verheirateten Priestern viel glaubwürdiger über Ehe und Familie sprechen.
SPIEGEL: Das Zölibat wird auch damit begründet, dass der Pfarrer ganz für seine Gemeinde da sein soll. 
Kamen die Gläubigen ihrer Gemeinde zu kurz? Ix: In unserem Pfarrhaus wurden zwei Kinder groß, für die ich emotional Vater bin. Eines ist das Kind meiner Haushälterin, das andere durften wir mit Genehmigung des Bischofs als Pflegekind aufnehmen. Das war für die Gemeinde sogar sehr gut – weiß ich doch aus eigener Erfahrung, wie Familie und partnerschaftliches Verhalten zu einem seelischen Wachstum führt. In allen Fragen zur Familie werde ich als kompetent betrachtet – ich weiß, wovon ich rede.
SPIEGEL: Was erwarten Sie noch vom neuen Vorsitzenden? Ix: Ich hoffe, dass er es ernst meint, wenn er sagt keine „Denkverbote“ und dass visionäre Christen bei ihm offene Ohren und ein offenes Herz finden. Es darf keine Tabuthemen geben. Er soll mit Nachdruck an den Papst weitergeben, was die Mehrzahl der 
Katholiken schon lange fordert. Ich hoffe darauf, dass Bischöfe, Kardinäle und der Papst umdenken und umkehren – was sie von anderen immer wieder verlangen.

Der Spiegel, Ausgabe 9/2008 – 25.02. 2008




“ Männchen, Weibchen, Nest und Nachwuchs, das ist der Gang der Welt seit Anbeginn. An den evolutionären Grundgesetzen kommt man ohne Folgen nicht vorbei. Die Natur rächt sich an der Moderne, den hemmungslosen Einsatz der Pille bestraft sie 
mit Engpässen in der Rentenfinanzierung. In den panischen Gebärkampagnen der letzten Monate werden Frauen einem enormen Druck ausgesetzt. Die emanzipierte, arbeitende Frau gerät in Misskredit. Dabei ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau eine wunderbare Sache, die nicht mehr zurückgenommen werden kann. Wir müssen sie verteidigen, auch wenn sie oft nicht funktioniert, wie insbesondere bei der Familiengründung. Mit Kindern kommt die Moderne ins Stottern und ohne Kinder auch. In diesem Paradox leben wir, in diesem Paradox müssen wir uns einrichten. Wie wir das schaffen können, davon erzählt dieses Buch. Dass Kinder glücklich machen, steht dabei nicht zur Debatte. Wir sollten dem Glück nur offen in die Augen sehen.

Iris Radisch, Klappentext zu dem Buch »Die Schule der Frauen / Wie wir die Familie neu erfinden«, 2007



Interview mit Iris Radisch
„Ich finde nicht, dass alles easy ist“

Interview: Gabriela Herpell

Die Mutter zweier Kinder hatte zwei Geschäfte, eines kleiner, eines größer, genau wie bei den Kindern: eines größer, eines kleiner. Abends kam sie nach acht Uhr zu ihren Kindern nach Hause, total kaputt natürlich. Ein paar Mal schon hatte sie so etwas wie Enttäuschung empfunden: darüber, dass die Kinderfrau die Kinder noch nicht im Bett hatte. Eines Tages, als es wieder so war, die Enttäuschung also wieder in ihr hochkroch und das schlechte Gewissen dazu, befand sie: So konnte es nicht weitergehen. 

Nun hängt ein Schild an dem großen Laden: zu verkaufen. Und die Bekannte bringt ihre Kinder wieder selbst ins Bett.
„Elternschaft ist weiblich. Und Familienschiffbrüche sind seit ein paar Jahrzehnten Legion“, schreibt Iris Radisch. „Den meisten Frauen, die ich kenne, ist es passiert. Und sehr viele Männer, die mir begegnen, haben einen Bankdauerauftrag.“ 
Radisch, 47, Literaturkritikerin der „Zeit“ und Buchautorin, hat drei Kinder von zwei Männern.

SZ Kinderleben: Frau Radisch, Sie sind keine Freundin der Teilzeitarbeit von Müttern. Warum?
Iris Radisch: Es ist die klassische Frauenlösung. Damit verzichten die Frauen auf die Hälfte ihrer Arbeitsstelle, die Hälfte ihrer Rentenansprüche, die Hälfte ihrer beruflichen Entwicklung und ganz nebenbei auch noch auf die Hälfte ihres Gehalts. Man muss etwas fordern, was die Frauen nicht aus dem Beruf drängt, ihnen die sozialen Sicherheiten nicht nimmt.

SZ Kinderleben: Sie haben mit kleinen Kindern Vollzeit gearbeitet und fanden das nicht ideal.
Radisch: Weil es keine Vereinbarkeit von Beruf und Kindern gibt, sondern nur etwas zu addieren. Ich habe erfahren, wie es ist, alles machen zu müssen. Es war extrem, aber es geht ja irgendwie immer. Ich war noch Jahre danach davon erschöpft.

SZ Kinderleben: Ist die Erschöpfung jetzt wieder weg?
Radisch: Ich fühle mich wieder ausgeschlafen. Meine Kinder sind elf, neun und fünf Jahre alt.

SZ Kinderleben: Ist die Erschöpfung der Preis, den vor allem die Frauen zahlen?
Radisch: Meistens, aber ich habe auch schon Väter gesehen, die denselben Preis bezahlen. Diese Eltern sind an der Grenze, kurz vor dem Zusammenbruch, auch wenn man ihnen das nicht ansieht. Die Familiensituation ist die schwierigste, die wir – bis auf die Klimakatastrophe – überhaupt zu meistern haben. Es ist mörderisch, was wir gerade machen. Und dann ärgert es mich, wenn Männer meinen, dem Problem mit dem Appell an die „Natur der Frau“ begegnen zu können. Ebenso ärgert mich die Gegenpropaganda von Frauen, die alles so toll auf die Reihe kriegen. Die Frau Generalanwältin mit sieben Kindern und alles läuft super. Das glaube ich nicht.

SZ Kinderleben: Wollten Sie immer Kinder haben?
Radisch: Ja. Eigentlich war ich mir immer sicher, obwohl ich nie etwas geplant habe. Mein Leben war voll mit Ausbildung, mit Arbeit, doch eines Tages kam das Gefühl, das kann nicht alles sein. Und da war das Kinderkriegen dran, weil es zum Leben gehört wie das Sichverlieben, das Atmen und das Sterben.

SZ Kinderleben: Als Sie jung waren, gab es da einen Lebensentwurf, den Sie gut fanden?
Radisch: Es gab keine Vorbilder. Wir waren und sind auf der ewigen Suche nach unserer Rolle. Wir haben uns treiben lassen, haben wenig definiert oder reflektiert. Die Entscheidung, Kinder zu haben, ist die einzige, die ich getroffen habe. Den Rahmen dazu habe ich mir nicht überlegt, ich habe gehofft, der stellt sich dann schon ein. Das war sehr blauäugig. Erst als ich das Buch schrieb, habe ich Distanz zu meinem eigenen Leben hergestellt. Und mir ist klar geworden, dass wir keine historischen Vorbilder haben.

SZ Kinderleben: Der Vater Ihrer beiden älteren Töchter ist vor der Geburt der zweiten weggegangen. 
Es muss bitter sein festzustellen, dass die Beziehung, die man lange hatte, die Kinder nicht überlebt.
Radisch: Man hört das häufig. www.steinmartcredit.com . Gerade wenn eine Beziehung ohne Kinder so lange gut war, aber auf ihre Art eingefahren, funktioniert sie nicht mit Kindern. Wir waren ein bisschen wie auf einer Isolierstation. Ich kannte nur Leute meines Schlags: kinderlos, hochspezialisiert, die auf Matratzen schliefen, über Platon diskutierten und ewig Kind blieben.

SZ Kinderleben: Was hat diese Generation so lebensuntüchtig gemacht?
Radisch: Der große Wohlstand. Der hatte natürlich auch viele Vorteile. Es war ein ungeheures Privileg, sich so intensiv mit Dingen beschäftigen zu können. Ich möchte diese Studienzeit nicht missen. Ich will nur erklären, warum wir so geworden sind und zum Teil keine Kinder mehr bekommen haben.

SZ Kinderleben: Sind Paare heute, wie die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim meint, in einer Planungsfalle?
Radisch: Man hat schon das Gefühl, dass die jüngeren Leute nicht so einfach etwas ausprobieren. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, weil sie glauben, sie sind es sich und anderen schuldig, die Kontrolle zu behalten. Und sicher stimmt es: Aus der Entscheidungsfreiheit ist eine Pflicht geworden, eine Entscheidung zu treffen, die von der Gesellschaft goutiert wird.

SZ Kinderleben: Eine Mutter von 19 Jahren fällt aus der Norm. Da schauen die Leute, als wollten sie sagen: Musste das passieren?
Radisch: So ähnlich war das bei mir beim dritten Kind. Da dachten auch viele, das wäre keine Absicht gewesen. Drei Kinder entsprechen dem Zweckdenken ganz und gar nicht.

SZ Kinderleben:Frau Radisch, Sie stehen den neuen Familienformen ziemlich kritisch gegenüber.
Radisch: Nein, ich finde nur nicht, dass alle gleich bunt und lustig sind.Ich habe drei Familienformen erlebt, die klassische, die alleinerziehende und jetzt Patchwork. Ich finde nicht, dass alles easy ist.

SZ Kinderleben: Was spricht gegen Patchwork?
Radisch: Meine Töchter vermissen ihren Vater. Sie artikulieren das nicht so, aber man merkt es. Das ist ein Schmerz, den die dritte Tochter nicht hat.

SZ Kinderleben: Sie sagen, man sollte sich prüfen, bevor man auseinandergeht – und fordern, Verantwortung für Kinder zu übernehmen.
Radisch: Ich finde, manche machen es sich heute zu leicht und gehen einfach weg. Dann haben sie neue Beziehungen und diese neuen Beziehungen wirken nach kurzer Zeit genau wie die alten, es geht um Nuancen. Das hätten sie den Kindern nicht antun müssen.

SZ Kinderleben: Glauben Sie, dass die Menschen heute zu viel von der Liebe erwarten?
Radisch: Nein, das geht ja gar nicht. Von der Liebe kann man nicht genug erwarten. Die Liebe ist das Tiefste, was es gibt. Aber ich glaube, viele Leute erwarten das Falsche von der Liebe. Eine Art Wellness-Liebe. Im kapitalistischen Warenaustausch werden alle Bedürfnisse befriedigt. Heute hört es sich manchmal so an, als hätte man im konsumistischen Sinn als Liebes-Endverbraucher eine bestimmte Portion Glück verdient. Das kann nicht funktionieren. Dann braucht man ewig neue Ware… 

Süddeutsche Zeitung, Ausgabe vom 28.03. 2007, Kinderleben (Auszug)



“ Wir wollen die Freiheit um der Freiheit willen und unter jedem Umstand.
Und die Freiheit wollend, entdecken wir, dass sie ganz von der Freiheit der anderen, und dass die der anderen von unserer Freiheit abhängt. Gewiss hängt die Freiheit als Definition des Menschen nicht von anderswem ab, aber sobald ein Engagement vorliegt, bin ich gezwungen, gleichzeitig mit meiner Freiheit die der anderen zu wollen, ich kann meine Freiheit nur zum Ziel machen, indem ich auch die der anderen zum Ziel mache. „

Jean-Paul Sartre, (1905 – 1980)