Archiv für den Monat: Juli 2010

Aufenthalt: Freigeistige Variationen über das nicht Verweilen dürfen: in der Heimat, im Jammertal, im Exil, in der Diaspora, im Leben…

Fremde

“ Im Deutschen ist zwischen den Fremden, wenn sie im unbestimmten Plural auftreten, und der Fremde, in die es einen ziehen oder auch verschlagen mag, kein Unterschied. Dass der Fremde nur in der Fremde fremd sei, aus solchem Gleichklang wußte Karl Valentin seinen Sprachwitz zu schlagen, doch der österreichische Dichter Theodor Kramer, der sich 1939 ums Leben in das karge englische Exil gerettet hatte und erst zum Sterben nach Österreich zurückkehrte, setzte ihm bitter entgegen: »Erst in der Heimat bin ich wirklich fremd.«

Wer sind die Fremden? Fuhr man durchs Salzburger Land, sah man bis vor kurzem von jedem zweiten, mit beschwerlich lastenden Krediten zur alpenländischen Protzigkeit hochruinierten Haus ein Fähnchen flattern, auf dem das Wort »Fremdenzimmer« stand. Diese Fähnchen sind in den letzten Jahren aus dem Gebrauch gekommen, denn Fremdenzimmer werden ja den Urlaubern angeboten, die für ein paar Nächte in einem solchen Zimmer auch einiges zu bezahlen haben. Wer wohlhabend genug ist, sich ein Fremdenzimmer in Salzburg zu leisten, kann aber kein Fremder sein, denn der Fremde ist heute eben dadurch definiert, daß er arm ist oder der Armut verdächtig, dass er sich also nicht um sein Geld in unseren Hotels einmietet, sondern um unser Geld ein Schmarotzerleben führt.

Wie es nicht ausreicht, aus der Fremde zu kommen, um ein Fremder zu sein, so ist auch niemand davor beschützt, selbst dort in den Status des Fremden zu stürzen, wo er geboren und aufgewachsen ist. Als 1995 vier Roma aus Oberwart, deren Familien schon seit Generationen in Österreich sesshaft waren, einem Bombenattentat zum Opfer fielen, hat mir ein wohlmeinender Österreicher sein Entsetzen über diese Tat mit den rechtschaffenen Worten mitgeteilt, dass man in einem Kulturstaat doch so nicht mit Ausländern umgehen dürfe.

Dass er die Roma in ihrem eigenen Inland als Ausländer empfand, hängt gewiss auch mit der Irrmeinung zusammen, dass die Roma Fahrende seien, die am liebsten ihrem Nomadentrieb folgen; dass die Roma für Bettler und Sozialhilfeempfänger, also für arm oder, wo sie es doch zu einigem Wohlstand gebracht haben, für kriminell gelten, die folglich uns, die wir weder arm noch kriminell sein wollen, gänzlich fremd sind und Fremde bleiben, wie lange sie auch am Rande unserer Städte oder unter uns sein mögen.

Natürlich spielen bei der Identifizierung eines Menschen als Fremdem auch heute noch Dinge wie Aussehen, Hautfarbe, Kleidung, Verhalten eine Rolle, doch fügen sich all diese Merkmale nicht mehr unmittelbar zum Bild des Fremden, sondern nur, insofern sie als deren Attribute häufig die Armut begleiten, welche die Fremdheit erst ausmacht. Vor einiger Zeit wurde dem in aller Welt berühmten Sänger Harry Belafonte nach einem umjubelten Konzert der Zutritt zu einer Linzer Diskothek verweigert. Im darob rasch aufflammenden Skandal hat sich der zerknirschte Besitzer der Diskothek gegen den ihn kränkenden Verdacht, ein Rassist zu sein, mit heftigen Worten verwehrt, er habe einfach nicht erkennen können, dass es sich bei dem »Neger« um Harry Belafonte gehandelt habe. Nie und Nimmer würde er, in dessen Diskothek ja stundenlang die Platten schwarzer Komponisten, Sänger, Musiker abgespielt werden, einem Menschen der Hautfarbe wegen den Zutritt in sein Lokal verweigern.

Nicht weil Belafonte ein Neger, sondern weil der Neger dem wacker vorurteilsfreien Diskothekenbesitzer in der Zeitung und auf der Straße meistens als Flüchtling, als Asylsuchender, bestenfalls als finanzschwacher afrikanischer Student entgegentritt, war das Lokalverbot ausgesprochen, das in diesem Falle als ein irrtümliches ja nachträglich auch widerrufen wurde. Hat der Neger Geld, was mittlerweile auch vorkommen kann, sind ihm gegenüber keine rassistischen Vorurteile angebracht und wird er jener Menschenrechte teilhaftig, die nur dem Fremden abgesprochen werden.

Umgekehrt braucht es keine andere Hautfarbe, Sprache, Religion oder auch Staatsbürgerschaft mehr, dass ganze Gruppen zu Fremden im eigenen Land erklärt werden: Der ökonomische Rassismus erklärt die Armen im Staate zu einer eigenen Nation, verstößt sie aus dem traditionellen Verband, wodurch sie zu Fremden werden, wie das der politische Regionalismus mit seinem Bemühen, die alten Nationalstaaten zu zerschlagen, immer offenkundiger in allen Teilen Europas propagiert.

Warum der Hass sich gerade gegenüber den Schwächsten austobt und in den europäischen Großstädten außer den Fremden fremder Länder vornehmlich Obdachlose, zunehmend auch Behinderte zu Opfern spontaner Gewalttaten werden, die jäh aus sozialem Ekel hochschiessen, darüber ist viel spekuliert worden. Dass der Anblick des Schwachen, Bedürftigen unser schlechtes Gewissen wecke und wir ihn also totprügeln, weil wir tiefinnerlich wissen, dass wir ihm helfen, unser Gut mit ihm teilen müssten, hat eine christlich inspirierte Gesellschaftskritik ins Feld geführt.

Aber das ist eine unzureichende Erklärung. Der Elende wird vielmehr nicht verachtet, weil der den wohlhabenden an seine versäumten Menschenpflichten, sondern weil er ihn daran erinnert, dass er selber der Elende sein könnte. Im Fremden, der aller sozialen Sicherheiten entledigt ist, entdecken jene, die sich von gesellschaftlichen Traditionen und staatlichen Institutionen noch geschützt wähnen, wie brüchig dieser Schutz ist. Nicht weil der Fremde fremd ist, wird er gehasst, sondern weil er schon das ist, was viele zu werden fürchten müssen; ihm ist bereits zugestoßen, was auch über uns verhängt sein könnte, sein Anblick erschreckt, nicht weil er fremd, sondern ein Spiegel ist, in dem sich eine fürchterliche Wendung abzeichnet, die das eigene Leben nehmen könnte.

Darum pflegt der Fremdenhass in sozial besser abgepolsterten Schichten weniger leicht aufzukeimen als dort, wo mit der Arbeitslosigkeit der soziale Absturz droht. Wer sich in verlässlichem Wohlstand geborgen weiß, braucht im Elenden nicht sich selbst entdecken und muss den Fremden nicht hassen, gerade weil er fürs erste davor gefeit ist, selber einer zu werden.

Die teilweise aberwitzigen Gesetze, mit denen in den letzten Jahren überall in Europa die Lage der Fremden verschlechtert wurde, ohne das sich dabei irgend etwas für die arbeitenden oder nicht mehr arbeitenden Landesbevölkerungen gebessert hätte, haben überall aber nicht die vom sozialen Absturz bedrohten Fremdenfeinde erlassen, sondern jene aufgeklärten Besser- und Sichergestellten, aus denen sich die Parlamente üblicherweise rekrutieren. So liegt die Vermutung nahe, dass sich die einen eines Fremdenhasses bedienen, die ihnen bei den anderen, die ihm anheimgefallen sind, sehr zupass kommt.

Jeder Mensch, der auch nur in die Anfangsgründe des Ökonomischen eingeblickt hat, weiß, dass weder die wirtschaftliche Krise, in der es zudem in bestimmten Branchen krisenhaft heftig boomt, noch die prekäre Lage des Sozialstaats durch die vier Prozent Fremder verursacht ist. Gleichwohl müssen die Fremden jenen Sündenbock abgeben, der die missliche Situation, in der die Dynamik der Marktwirtschaft einen Teil der Nation gebracht hat, fasslich erklärt.

Rund 370 Millionen Menschen rechnen zum privilegierten Rang von Bürgern der Europäischen Union, nicht zehn, nicht einmal fünf Prozent Ausländer leben in diesem mächtigen Wirtschaftsraum. Der demokratische Verfall hat sie, ungeachtet der Dauer, wie lange sie hier schon arbeiten und wohnen, wie sehr sie den Verhältnissen integriert sind und welches der Grund ihres Kommens war, insgesamt zu Fremden gemacht und so die heterogenen Gruppen von Arbeitsemigranten, Flüchtlingen und Asylbewerbern zusammengefasst.

Sie alle trifft der gleiche Blick, der sie als Fremde erkennt. Wie dem Fremden aber jedes Verbrechen zuzutrauen ist, wird es bald schon zum Verbrechen, ein Fremder zu sein. Der Fremde braucht dann gar kein Verbrechen mehr zu begehen, er selber ist eines, und die Tatsache, dass er ungeschoren immer noch unter uns weilt, ist der Beweis. „

Karl-Markus Gauß, Freigeist.

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Einwanderung

In der Anthropologie heißt es, der Mensch sei eine Variante des Schimpansen, die es geschafft hat, weit intelligenter zu werden, als es ein Affe gewöhnlich ist. Dank dieser Tatsache sei es dem Menschen möglich, in die Welt hinauszuziehen und sich fremden Wind um die Nase wehen zu lassen.

Mensch zu sein bedeutet, zu emigrieren: Wir sind alle Emigranten – oder Kinder, Enkel, oder Urenkel von Emigranten. Unsere Spezies erblickte irgendwann im Osten Afrikas das Licht der Welt und emigrierte von dort an entlegene Orte, von China bis Kalifornien, von Grönland bis Patagonien, und natürlich nicht zu vergessen: Bis Europa. Die Ureinwohner, die stolz darauf sind, seit Jahrhunderten dort zu leben und sich nie von der Stelle bewegt zu haben, während andere kommen und gehen, zeigen damit keine Überlegenheit gegenüber den Reisenden, sondern eine törichte Sehnsucht nach ihrer Vergangenheit als Menschenaffe. Wären wir nicht von Natur aus Emigranten, wäre es um das, was wir als »Menschheit« bezeichnen, schlecht bestellt.

Wie sollen wir heute Emigranten aufnehmen? Als Artgenossen, die uns einen riesigen Gefallen tun und uns daran erinnern, worin Menschlichkeit besteht. Der Grieche Plutarch schreibt, dank dieser zufälligen Begegnungen mit Fremden begreift unsere Seele, was sie ist – nämlich wesenhaft fremd – und was sie zu erwarten hat, nämlich Gastfreundschaft. Denn wir haben alle einmal die Erfahrung gemacht, dass wir uns schutzlos im Unbekannten befinden: »Geboren zu werden bedeutet immer, in ein fremdes Land zu kommen.«  Zweifellos kann die derzeitige Einwanderungsflut in den wohlhabenden Ländern für Chaos sorgen. Doch wird man schlecht unterbinden können, dass die Medien überall verbreiten, wie Menschen andernorts leben und vor allem, wo es sich besser leben lässt. Es ist daher nur natürlich, dass viele Benachteiligte aus anderen Breiten bei uns ihr Glück versuchen wollen. Emigranten hat es immer gegeben, und ihre Zahl wird nicht ausgerechnet in dem Jahrhundert abnehmen, in dem man sich mit einem Knopfdruck oder Klick über die sozialen Bedingungen in anderen Ländern informieren kann und in dem es an Transportmittel nicht mangelt.

Im Allgemeinen wollen die, die zu uns kommen, vor dem Elend in ihrem Land fliehen, selbst wenn sie wenig von den Vorzügen unseres relativen Wohlstandes wissen: Sie werden nicht vom Licht angezogen, sondern die Triebfeder ist die Dunkelheit, aus der sie fliehen. Natürlich würden viele, wenn die Lebensbedingungen in ihrem Herkunftsland besser wären, lieber dort bleiben. Folglich ist Entwicklungshilfe für die Länder mit einer starken Auswanderung eine vernünftige Politik, um diese Ströme einzudämmen: Es ist weder klug noch anständig, unsere Solidarität mit den Benachteiligten in alle Welt zu posaunen und gleichzeitig eine protektionistische Politik zu fördern, durch die die Rohstoffe, die in vielen Breiten die einzigen Ressourcen sind, nicht auf unseren Markt gelassen werden. Aber es handelt sich nicht um ein rein wirtschaftliches Problem. Das Hauptübel ist, dass es in vielen Nationen keinen funktionierenden Staatsapparat gibt, der eine wenn auch nur minimal ausgewogene Verteilung der nationalen Bodenschätze garantiert, ebenso wie Gesetze, die Raubbau verhindern. Die Emigranten, die in unsere Länder kommen, suchen – oft mehr als Unterstützung und Arbeit – nach einer Möglichkeit, Zutritt zur bürgerlichen Gesellschaft zu erhalten. Wer unter uns dem Wort misstraut oder seine revolutionäre Tragweite herunterspielt, sollte mal diese Vertriebenen fragen, was das wirklich bedeutet…

Es liegt auf der Hand, dass rechtliche Anerkennung der Einwanderung und ihre humanistische Wertschätzung nicht bedeutet, dass es keine Regulierungsmechanismen geben darf: Großzügige und laxe Kontrollen begünstigen nur Menschenhändler, Arbeitgeber, die billige Lohnsklaven suchen, und ausländerfeindliche, ultranationalistische Agitatoren und führen zu nichts. Zweifellos ist es ein Vorurteil, »Einwanderer« mit »Kriminellen« gleichzusetzen, doch angesichts des traurigen Schicksals vieler Illegaler, die der Mafia wegen eines fehlenden Arbeitsschutzes ausgeliefert sind, hat diese Aussage manchmal durchaus ihre Berechtigung.

(Ein anders gelagerter Fall sind die ausländischen Verbrecher, die wie Heuschrecken über unser Land herfallen, weil sie satte Beute machen wollen. Die gibt es, natürlich, sogar in Hülle und Fülle, aber das sind keine Einwanderer, sondern Invasoren.)

Kann man von den Einwanderern verlangen, dass sie bestimmte Bedingungen zur Integration in unser Land erfüllen müssen? Auf jeden Fall.

Keiner verlangt von ihnen, dass sie ihre ursprüngliche Kultur (aus der sie fliehen) in allen Punkten ablegen, aber in denen, die den im Aufnahmeland geltenden Verfassungsprinzipien und den grundlegenden Menschenrechten zuwiderlaufen. Sie haben selbstverständlich das Recht – denn das ist eine Bereicherung unserer Kultur – ihre Folklore, ihre Küche, ihren Glauben etc. öffentlich auszuleben und mit uns zu teilen. Das heißt, sie können Formen ihres ursprünglichen Gemeinschaftslebens mitbringen, solange sie mit dem Rechtsstaat in Einklang gebracht werden können. Sie dürfen sie uns aber nicht in Bereichen aufzwingen, die mit den demokratischen Freiheiten unvereinbar sind. Auch in unseren Ländern gab es in der Vergangenheit traditionelle Lebensformen (hierarchische, theokratische usw.), die durch revolutionäre Umwälzungsprozesse der Moderne abgeschafft wurden, Es wäre absurd, diese wieder aufzunehmen und sie als unantastbare Importfetische zu ehren. Tzwetan Todorov hat es treffend gesagt: »Zu einer Gemeinschaft zu gehören ist gewiss ein Recht des Individuums, aber auf keinen Fall eine Pflicht; die Gemeinschaften sind im  Schoß der Demokratie willkommen, aber nur unter der Bedingung, dass sie nicht Ungleichheit und Intoleranz erzeugen.«

Fernando Savater, Freigeist.

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“ Der Mythos von der autonomen Seele,  oder von der Mündigkeit des Individuums, ist ein Produkt der europäischen Geschichte. Erst nach dem Zerfall der politischen Macht der Kirche entfaltete das kartesische Ich, das sich als Ausgangspunkt setzte, seine volle Arroganz.

Als die Kirche ihre Faszination verlor,  als ihre Künste und Zaubervorstellungen verkümmerten und die Scheiterhaufen ausgingen, versuchte sie notgedrungen, das »lächerliche Eselsgeschrei« der Einzelseelen interessant zu machen. Aus dem Jammertal, wo sie die Exekutivgewalt verlorene hatte, zog sie sich an die Schwelle des Jenseits zurück. So sicherte sie sich wenigstens die Verwaltung des Todes, während in die meisten ihrer Unternehmungen psychologische und soziale Quacksalber einrückten und ihre profanen Programme und Szenarien aufstellten.

Die Legende vom Jenseits,  wo die Leute, nach kurzem Erdenaufenthalt, ihr »lächerliches Eselsgeschrei« bis in alle Ewigkeit fortzusetzen gedachten, führte zur Entzauberung des Diesseits, das man als Jammertal abkanzelte, bis es schließlich so aussah wie heute und zu dem geworden war, als was man es abgekanzelt hatte, nämlich zum Jammertal. „

Gerhard Amanshauser, Freigeist.

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“ Ich weiß nicht, ob schon einmal jemand erwogen hat, welche Auswirkungen es auf die spätere Diaspora hatte, dass das jüdische Staatswesen unter römischer Ägide stand. Mir scheint es ein ewiges Muster zu sein. Die Ehrerbietung für die fremde Macht, das ständig zu Kompromissen bereite Verhalten, das der eigenen Gemeinde gegenüber mit der Forderung von Opferbereitschaft auftritt. Allmählich wird daraus eine Umgangsform: Ächtung vor dem fremden, Verachtung dem eigenen gegenüber; in sie mischen sich schmerzliches Schuldbewusstsein und die überzogene Familienliebe der ewigen Minderheiten.

Das Wesentliche jedoch sind immer die – sogenannten – Opferdarbringungen für die fremde Macht,
um ihre Gnade zu gewinnen, mal mit Geld, mal mit Menschen. In diesem Lichte betrachtet, ist das starke Gemeinschaftsgefühl nichts anderes als eine gewisse Form der Vermögensbewahrung, damit es etwas gibt, das man opfern kann, wenn der Augenblick gekommen ist. Andererseits die führenden Juden, die führenden Klassen innerhalb des Judentums. Die ewigen Judenräte.

Das jüdische Großkapital, das einerseits als rationaler Faktor (in der Nationalökonomie einer fremden Nation) funktioniert und andererseits, gewissermaßen nach innen, der jüdischen Gemeinschaft gegenüber, wie ein väterlicher Diktator auftritt: Eine gewisse Wohltätigkeit, Freigebigkeit, um das Leben und damit die Masse zu erhalten zum Zwecke der jeweils nächsten Opferdarbringung. – Verglichen damit eine beinahe moderne Erscheinung, wenn sich vereinzelt reiche jüdische Gemeinden im Zeichen der Selbsterhaltung von der armen, kompromittierenden Masse zu befreien versuchen; etwa das verhalten der Amsterdamer Juden zur Zeit Spinozas: Diese reichen Juden gaben den aus Deutschland, Spanien usw. fliehenden armen jüdischen Massen Geld, unter der Bedingung, dass sie nach Russland, nach Osteuropa weiterziehen. „

Imre Kertész, Freigeist.

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Es gibt nichts was zu erreichen wäre ausser dem Tod.
Also, üblicherweise wird versucht ein Ziel möglichst schnell zu erreichen, wenn es bekannt.
Ich habe gegen meine Natur versucht und gegen meinen Instinkt den optimistischen Standpunkt einzunehmen.
Ich habe viel versucht.
Ich habe gegen mein besseres Wissen behauptet: Das Leben ist wert geliebt zu werden um seiner Selbst willen.
Wie dumm, ein Vorwand diese unangenehme Prozedur nicht vornehmen zu müssen.
Es gibt keine Schuld, keine Sünde, nicht Gut, nicht Böse, keinen Gott, keine Möglichkeit,
nur den Schein für den Schein leben zu können.

Wozu der Mensch als ethische Fehlkonstruktion mit ethischer Einstellung behaftet sein kann?
Ein Scherz.
Es ist grässlich, dass die Hoffnung wie ein böses Geschwür bis zur letzten Sekunde wuchert.
Die Dinge bleiben wie sie sind.
Idealismus ist unangebracht.
Unter diesen Auspizien vertrete ich (natürlich nur für mich, da ja ich mit dieser Meinung behaftet bin) als richtig, der.
Falsch, für.
Ich bin einfach nicht einverstanden,

würde gerne den Menschen gegen das tauschen wofür er sich hält oder fälschlich für möglich hält zu erreichen.
So betrachtet will ich gerne den Anfang machen, das gute Beispiel.-

Konrad Bayer, Freigeist. (Freitod 1964)