Nullpunktfreigeistiges…


“ Wir treiben auf einer weiten Fläche, stets unsicher und schwankend, von einem Ende zum anderen geweht. Jedes Ziel, an dem wir anlegen und festmachen wollen, gerät in
Bewegung und entzieht sich; und wenn wir ihm folgen, entgleitet es unserem Griff, entschwindet und flieht in ewiger Flucht. Nichts bleibt für uns stehen. Das ist unser natürlicher Zustand, und dennoch ist er unserer Neigung am fernsten; wir brennen vor Verlangen, festen Sitz und eine dauerhafte Grundlage zu finden, um darauf einen Turm zu errichten, der bis in die Unendlichkeit hinaufragt; doch unser ganzes Fundament birst und die Erde öffnet sich zu Abgründen.

Da uns die Natur in allen Zuständen immer unglücklich macht, gaukeln unsere Begierden uns einen glücklichen Zustand vor, denn sie fügen dem Zustand, in dem wir
uns befinden, die Freuden des Zustands, in dem wir uns nicht befinden, hinzu; und selbst wenn wir diese Freuden erreichen sollten, wären wir nicht glücklich, denn wir
hätten andere Begierden, die diesem neuen Zustand entsprächen.

Doch als ich genauer nachgedacht hatte, als ich die Ursache all unseres Unglücks gefunden hatte und nun seine Begründung entdecken wollte, habe ich herausgefunden,
daß es eine sehr offensichtliche gibt, die im natürlichen Unglück unseres schwachen und sterblichen Wesens liegt, welches so Elend ist, dass nichts uns trösten kann,
wenn wir genauer darüber nachdenken. „

Blaise Pascal, Freigeist.

°

“ Alles ist schlecht.
Das heißt, alles was ist, ist schlecht;
dass jedes Ding existiert, ist das schlechte;
jedes Ding existiert nur um des Schlechten willen;
die Existenz ist etwas schlechtes und wird vom Schlechten bestimmt;
das Ziel des Universums ist das Schlechte;
die Ordnung und der Staat, die Gesetze und der natürliche Gang des Universums sind
nur schlecht, sind auf nichts anderes gerichtet als das Schlechte.
Es gibt kein anderes Gut als das Nichtsein: Es gibt nichts anderes Gutes als das,
was nicht ist; als die Dinge, die keine Dinge sind: Alle Dinge sind schlecht. „

Leopardi, Freigeist.

°

“ Es gibt bei uns zwei arten Freigeister: Gecken, die einen Gott leugnen, an den sie glauben und Prediger, die einen Gott predigen, an den sie nicht glauben.“

Montesquieu, Freigeist.

°

“ Um einen weder dummen noch verlogenen Trauerbrief zu schreiben, müsste man ein Genie sein. „

E. M. Cioran, Freigeist.

°

“ An den Stränden schießen die Hotels nicht einzeln, sondern in Ketten empor. Sie gleichen sich bis in die Schlüssellöcher; irgendwo in New York oder Tokyo ist ihr
Modell. Es wird also mit einer ständig wachsenden Zahl von Reisenden gerechnet, entsprechend muss das Personal zunehmen. Was geschieht bei Restriktionen, einer Wirtschaftskrise, einem Krieg? Der Prozess lässt sich nicht umkehren. Ein leeres Hotel wird bald zur Ruine; aus einem Kellner wird nie wieder ein Hirt. Es folgen gespenstische Landschaften. „

Ernst Jünger, Freigeist.
(Tagebuch, 1970)

°

“ Bei einem gewissen Stande der Selbsterkenntnis und bei sonstigen für die Beobachtung günstigen Begleitumständen wird es regelmäßig geschehn müssen, dass man
sich abscheulich findet.

Jeder Maßstab des Guten – mögen die Meinungen darüber noch so verschieden sein – wird zu groß erscheinen. Man wird einsehn, dass man nichts anderes ist als ein
Rattenloch elender Hintergedanken. Nicht die geringste Handlung wird von diesen Hintergedanken frei sein. Diese Hintergedanken werden so schmutzig sein, dass man
sie im Zustand der Selbstbeobachtung zunächst nicht einmal wird durchdenken wollen, sondern sich von der Ferne mit ihrem Anblick begnügen wird.

Es wird sich bei diesen Hintergedanken nicht etwa bloß um Eigennützigkeit handeln, Eigennützigkeit wird ihnen gegenüber als ein Ideal des Guten und Schönen erscheinen. Der Schmutz, den man finden wird, wird um seiner selbst willen da sein, man wird erkennen, dass man triefend von dieser Belastung auf die Welt gekommen ist und durchsie unkenntlich oder allzu gut erkennbar wieder abgehen wird. Dieser Schmutz wird der unterste Boden sein, den man finden wird, der unterste Boden wird nicht etwa
Lava enthalten, sondern Schmutz. Er wird das unterste und das oberste sein und selbst die Zweifel der Selbstbeobachtung werden bald so schwach und selbstgefällig
werden, wie das Schaukeln eines Schweines in der Jauche. „

Franz Kafka, Freigeist.
(Tagebuch, 7. Februar 1915)

°

Inventar

Haus ohne Dach
Kind ohne Bett
Tisch ohne Brot
Stern ohne Licht.

Fluss ohne Steg
Berg ohne Seil
Fuß ohne Schuh
Flucht ohne Ziel.

Dach ohne Haus
Stadt ohne Freund
Mund ohne Wort
Wald ohne Duft.

Brot ohne Tisch
Bett ohne Kind
Wort ohne Mund
Ziel ohne Flucht.

Mascha Kaléko, Freigeist.

°

“ Viel später, Mitte der achtziger Jahre, initiierte der unvergessliche italienische Botschafter in Bonn, Luigi Vittorio Ferraris, eine Konferenz italienischer und
deutscher Verleger, um den literarischen Austausch zu beleben; bis dahin gab es nur von deutscher Seite eine Förderung zur Übersetzung deutscher Bücher ins
Italienische. Zu dem Treffen reiste auch eine ganze Riege aus dem italienischen Außenministerium an, die eine ziemlich lange Liste von Büchern vorzulesen begann,
für die Fördergelder bereitstünden. Ich sah meine italienischen Kollegen erbleichen: Es waren fast sämtlich Bücher der Beamten selbst, ihrer Frauen und Freunde. „

Klaus Wagenbach, Verleger, Freigeist.

°

Zeit, sich vom Bernstein zu trennen,
Zeit, die Dinge neu zu benennen;
Laß die Laterne nicht brennen
Über der Tür…

Marina Zwetajewa, Freigeist.

°

Am Sonntag, den 25. Juli beginnt das Festival »Xong 2010« …:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die so singen, oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit wieder gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.

Novalis, Freigeist.