Archiv für den Tag: 23. Juli 2010

Neue Musik ist… ? Freigeistige Variationen über Ernstzunehmendes…

 

GESPRÄCH MIT DEM KOREANISCHEN KOMPONISTEN NUÖC MÁM

A.: 
 herr nuöc mám: plectonische musik, auf deutsch: fledermausmusik – ist das nicht eine art spitzname, in dem der verdacht anklingt, sie wollten sich mit ihren kompositionen über die leute lustig machen?
N.:
bei der bezeichnung von kunstrichtungen gibt es häufig spitznamen, die sich später in ehrennamen verwandeln. über neue musik hat man am anfang immer gelacht.
A.:
nun wurde beim heutigen konzert im steinbruch von ohrlau nicht gelacht. bei den zuhörern, von denen es im programmbuch hieß, »sie sollten sich
unbefangen rings um den tongenerator bewegen«, griff eher eine gewisse ratlosigkeit um sich. dabei handelte es sich doch hauptsächlich um leute, die allen spielarten neuer musik eine chance einräumen und durchaus bereit sind, ungewohntes zu akzeptieren. die zeit der skandale ist schließlich vorbei. wie soll aber der mensch eine musik aufnehmen, die er nicht hört?
N.:
neue musik wird zuerst niemals gehört. in der zukunft wird sie gehört.
A.:
aber voraussetzung ist doch, dass vom ohr töne empfangen weden.
N.:
töne sind eine ganz kleine wahl aus der welt der geräusche. die tonmusik ist ganz arm.
A.:
aber auch geräusche müssen zunächst einmal gehört werden. wenn man sie nicht hört, ist es doch, als wären sie nicht da.
N.:
sie glauben, dass nicht da ist, was kümmerliche sinne nicht empfangen?
A.:
herr nuöc mám, hören sie selbst ihre musik?
N.:
ich höre sie genauso, wie der alte beethoven seine quartette hörte.
A.:
mit ihren ohren hören sie also nichts?
N.:
mit den ohren höre ich meine musik noch nicht. aber ich mühe mich, sie zu hören. und meine kinder, oder die kinder meiner kinder, werden sie hören. die langwelligsten partien meiner musik werden von einigen kindern schon gehört.
A.:
es heißt doch auch, dass manche kinder die schreie von fledermäusen hören. wenn sie größer werden, geht diese fähigkeit verloren. meines wissens ist noch nichts davon verlautet, daß die fähigkeit, ultraschall zu empfangen, zunähme.
N.:
fähigkeiten nehmen zu, wenn bedürfnisse zunehmen. wie ist die hörfähigkeit entstanden? aus der notwendigkeit, bestimmte geräusche zu empfangen. diese notwendigkeit deckt sich aber nicht mit der musikalischen notwendigkeit. wenn diese dringend genug danach verlangt, sich den ultraschallbereich zu erobern, dann werden sich, wie etwa bei den delphinen, entsprechende organe entwickeln.
A.:
ist der normale hörbereich für die musik zu klein?
N.:
die bandbreite des heutigen hörbereichs ist bei weitem zu klein! ich sagte schon: die töne der europäischen musik – ich nenne sie auch manchmal
geometrische musik – sind nur eine kleine wahl aus der welt der möglichen schallwellen bis zu einer millionen kilohertz. das wären, würde man nur die töne betrachten, 16 oktaven.
A.:
und die werden alle benötigt?
N.:
der hörschall liegt in jenem bereich, der musikalisch am uninteressantesten ist. ich sage: die menschheit ist kurzhörig!
A.:
sie meinen, daß die menschen nur unscharf hören?
N.:
sie hören nicht nur unscharf, sondern der ganze bereich des hörschalls liegt am unscharfen ende des bandes, nämlich dort, wo die langwellen sind. die langwellen geben nur unscharfe, beiläufige echos. deshalb verwenden fledermäuse und vor allem delphine, die eigentlichen musiker unter den tieren, 
kürzere wellen. wären unsere augen so unscharf wie unsere ohren, so würden sie nur auf wärmestrahlen ansprechen. je kürzer die wellen – und sie erreichen am ende des bandes die kürze von lichtwellen – desto schärfer wird die welt erfaßt.
A.:
nun dient aber musik doch nicht dazu, die welt zu erfassen. hier kommt es doch auf echos überhaupt nicht an.
N.:
sagen die verteidiger der alten musik. ich spreche nicht mehr gern von musik, ich spreche von sonik. die menschen haben alles zerstückelt. sie machen musik auf resonanzkästen und in pfeifröhren. von solchen maschinen führt eine eine einbahnstraße zu den ohren. diese straße zerschneidet die welt, wie eine häßliche autobahn ein schönes tal zerschneidet. die schallgeber sind nur aktiv, die empfänger nur passiv. im vergleich etwa zum tanz der eingeborenen bedeutet das eine schreckliche verarmung. ein europäisches konzertpublikum ist eine ansammlung von gelähmten gespenstern. darum rächt es sich nachher durch wildes schreien und klatschen. dann kommen die unterdrückten geräusche und verhinderten bewegungen auf stumpfsinnige art hervor.
A.:
sie wünschen sich also ein bewegliches, ein tanzendes publikum?
N.:
ich wünsche mir kein publikum. ich spreche von den notwendigkeiten der ultraschall-sonik. nimmt die schärfe der echos und der schallorgane zu, so ergibt sich nicht mehr, wie in einem konzertsaal, eine sogenannte akustik, sondern es wird ein genaues schallrelief der umwelt empfangen. der schallgeber darf also nicht mehr x-beliebiges abstrahlen. er muß sich gleichsam in die umwelt hineinmusizieren. man hat sich gefragt, wozu delphine ein gehirn benötigen, das an größe das menschliche übertrifft. sehr einfach: diese tiere bewegen sich in akustischen landschaften, die sie bis ins kleinste erfassen.
A.:
und glauben sie, dass die delphine ihre umwelt nicht nur erfassen, sondern sich, wie sie gesagt haben, in sie hineinmusizieren, also ästhetische mittel entdeckt haben, um sie zu genießen?
N.:
sehr wahrscheinlich. hier hat die wissenschaft noch viel zu erforschen. ich glaube, dass die delphine ihre umwelt nicht nur akustisch genießen, sie also ästhetisch abtasten, sondern darüber hinaus eine eigene musik erzeugen und die umwelt gleichsam als reaktion auf diese eigenmusik erleben. hier kommen wir zu einem wesentlichen punkt der ultraschall-sonik: sie kann sender und empfänger koordinieren, und dabei geht sie über die passiven fähigkeiten des gesichts- und des heutigen gehörsinns weit hinaus.
A.:
müßte dann nicht jedes individuum musizieren?
N.:
sehr richtig! die privilegien müssen beseitigt werden. die universelle musik wird nicht einseitig und berufsmäßig von bezahlten leuten gemacht und einseitig von zahlenden leuten aufgenommen. sie ist vielmehr ein teil des lebens. jeder macht dann mehr oder weniger diese musik, jeder nimmt sie mehr oder weniger auf, und darüber hinaus spielt die ganze umgebung mit. ich nenne die umgebung in bezug auf die universelle musik einen echogarten. es gibt natürliche und künstliche echogärten, das heißt natürliche und künstliche umgebungen, die akustisch schön und eindrucksvoll sind. die künstlichen echogärten werden von musikarchitekten errichtet. aber auch die gewöhnlichen architekten, die zum beispiel häuser bauen, müssen die echos berücksichtigen. es gibt dann optische und akustische schönheiten in der architektur und stadtbaukunst, und es wird darauf ankommen, in den meisterwerken beides zu vereinigen. die menschen werden erst glücklich sein, wenn sie akustisch, als sender und empfänger, in ihre umwelt, und damit in den kosmos, integriert sind.
A.:
wird sich der verkehrslärm in den städten nicht störend auswirken?
N.:
auch die maschinen werden neben ihren nützlichen aufgaben ästhetische funktionen erfüllen. alle tätigkeiten von menschen und maschinen sind dann akustisch strukturiert und ergeben, im zusammenspiel mit der umwelt, die musik der zukunft. es gibt dann bezirke, wo die musik der maschinen dominiert, andere, die der musik von mensch zu mensch gewidmet sind, und wieder andere, wo die umwelt, sei sie nun künstlich oder natürlich, akustisch vorherrscht. arbeitend und sich vergnügend, wandert der mensch, der sich selbst musiziert oder schweigt, durch die verschiedensten akustischen enviroments.
A.:
aber der weg von den steinbruchkonzerten in ohrlau bis zu dieser utopischen welt scheint sehr lang zu sein.
N.:
jeder weg, den zu gehen es sich lohnt, ist sehr lang. man muß sich nur dazu entschließen, die ersten schritte zu tun. und wer einmal die ersten schritte getan hat, darf nicht erlahmen.
A.:
wenn man einen weg geht, sieht man allerdings die zurückgelegten strecken. wie kann aber das ohr die zurückgelegte strecke heraushören, wenn es beim zweiten mal ebensowenig hört wie bein ersten mal?
N.:
das ohr darf nicht passiv bleiben. es muß sich spitzen. einer sache, die man noch nicht erfahren hat, wird man auch nicht überdrüssig. nichts wirkt sich lähmender aus als routine. wer heute nichts gehört hat, kann sich die reine erwartung bewahren. ich darf darauf aufmerksam machen, dass die vorstellung morgen wiederholt wird.

Gerhard Amanshauser (Aufzeichnungen einer Sonde, Parodien, 1979)

°

“ Gewisse Irrtümer sind Stationen der Wahrheit. „

Robert Musil, Freigeist.