„Die Bürger lassen sich nichts mehr einimpfen”
Sind die Südtiroler fordernder geworden?
Wir sind eine Forderungsgesellschaft oder vielmehr dazu erzogen worden. Daran ist die Politik nicht ganz unschuldig. (…)
Die Forderungsgesellschaft schlägt sich auch auf das politische System nieder. Der Ruf nach Veränderung wird immer lauter. Steckt die Südtiroler Volkspartei derzeit in einer Krise oder gleicht sich die politische Landschaft langsam der internationalen an?
Absolute Mehrheiten sind keine Selbstverständlichkeit. Die SVP steckt in einer schweren Krise. Dass sie nicht mehr das ist, was sie einmal war, hat sich die Partei großteils selbst zuzuschreiben. Der Kontakt zur Basis ist weniger geworden bzw. fehlt ganz. Wie soll der Bürger so noch glauben, was die führende Partei für ihn tut? Die SVP ist nicht untätig, sie leistet enorm viel. Fragwürdig ist allerdings das System des Landeshauptmannes, der die Bürger jeden Tag ab sieben Uhr morgens in seiner Kanzlei empfängt. Er konzentriert alles auf seine Person und degradiert damit die Landesräte. Ich bin strikt gegen dieses System. (…)
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Abweichler sind für Linientreue von ganz entscheidender Bedeutung. Diese wollen nämlich das Gefühl erzeugen, die Linie sei etwas klar definiertes, rein zu Erhaltendes. Indem Abweichler davon abweichen, entsteht der Eindruck eines vorgezeichneten Weges, auf dem alle Gerechten, wachsam und unbeirrbar, schreiten: jeder Schritt ein Fortschritt. Abweichungen führen in Sumpfgebiete.
DER ÜBERGANG ARM → REICH
Deshalb wird überall statt des linearen Übergangs, fast könnte man sagen: statt des mythischen Sprungs von der Armut zum Reichtum, eine zirkulare Organisation des Diebstahls geschaffen, eine möglich umfassende Clique, die sich überall abstützen und absichern kann. Die Diebesbande mit ihren Hehlern, das Verbrechersyndikat sind Beispiele dafür. Bei abnehmenden Risiko steigt die Unmenschlichkeit.
“In die Politik habe der Europäer”, sagt Valéry, “alle Instinkte, Götzen und Wunschbilder, alle sein Begierden und unterhöhlten Begriffe hineingeschleudert, kurz alles, was Wissenschaft und Künste aus ihrem Bereich verdammt haben.”
Was den festen Rahmen des Erwerbslebens über- oder unterschreitet, macht sich verdächtig oder verächtlich. Als einziger Luxus ist Nationalismus zugelassen.
Die einstigen Zentren der Kultur kannten sowohl den verfeinerten Lebensgenuss als auch die Askese: beides schwer erreichbare Dinge, zu denen der einzelne ohne Tradition nicht kommen kann. Wer nämlich glaubt, eine Ästhetik der Freude und des Genusses sei leicht zu erreichen, der weiß nicht, wovon die Rede ist.
Der Verlauf kann weder genossen werden, noch kann man auf ihn verzichten. Er produziert und konsumiert sich selbst.
Gerhard Amanshauser, Freigeist.
(Aus: »Satz und Gegensatz«, Salzburg 1972)
” Alle Beschränkung beglückt. ”
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Elias Canetti, Freigeist.
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” Ist der Lebenssinn auf die eigene Lebenszeit begrenzt, so glaubt der einzelne, es sich nicht mehr erlauben zu können, auch nur eine Gelegenheit der Daseinserfüllung ungenutzt zu lassen: Die diesseitige Sinnjagd beginnt und macht selbst vor den Toren der Arbeitswelt nicht halt. Allerdings setzt das bereits die industrielle Entwicklung der letzten hundert Jahre voraus, in der mehr und mehr Aufgabenfelder entstanden, die von der Last niederdrückend-schwerster und stumpf-monotoner Arbeit befreit sind.
Dazu kommt die wachsende Tendenz zur höheren Schulbildung, mit der zugleich die Ansprüche des einzelnen auf Selbstverwirklichung und Sinnerfüllung zunehmen, wie heute selbst innerhalb der Wirtschaft die neuesten Technologien den Ruf nach mehr Motivation, Kreativität und Flexibilität laut werden lassen. Solche Werte sind mittlerweile stärker gefragt als je zuvor, und angesichts der Globalisierung der Märkte eine notwendige Voraussetzung für das Überleben der Unternehmen. Qualifizierte und einsatzbereite Mitarbeiter sollen und wollen nicht nur arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ihren Beruf als bloße Pflichterfüllung sehen, sonder ihn zugleich sinnvoll erleben, in dem sie ihre Fähigkeiten voll entfalten können.
Franz Joseph Wetz, Freigeist.
(Aus: »Die Kunst der Resignation«, Stuttgart 2000)
Auszug aus dem Klappentext des Buches: