Neue Kunst ist…? Freigeistige Variationen über Ernstzunehmendes…

 

“ Die Gefahren des ständigen Drucks, der auf dem Künstler lastet, jedes Jahr etwas Neues hervorzubringen – die Idee des Vorjahres zum alten Eisen zu werfen, bevor sie ganz artikuliert oder in ihren Tiefen ausgelotet worden ist -, sind bis jetzt nicht richtig eingeschätzt worden. Die immer schneller werdende Aufeinanderfolge öffentlich vorgestellter Innovationen ist gleichzeitig zur Zielscheibe öffentlichen Spotts wie zum ernsten Problem geworden. Von beiden Extremen dieser Frage her gesehen, wird diese Gruppenneurose zum Ausgangspunkt von Ängsten, Frustrationen und Ressentiments. „

William C. Seitz
(Aus: »The Rise and Dissolution of the Avant-Garde«, „Vogue“, 1963)

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“ Dem heutigen Künstler bietet sich ein Katalog von Stilen an, und er ist eingeladen, daraus zu wählen. Er weiß jedoch, dass die letzte Ausgabe des Stilbuches bereits überholt ist. Alles, was in der Kunst gemacht worden ist, öffnet ein neues Tor. Dem Tor gegenüber aber steht eine leere Wand. Für den Künstler erscheint es sinnlos, hat jemand anderer den Schritt dorthin getan, ihn noch einmal zu machen. Tatsächlich versperrt daher jede Erfindung einen weiteren Zugang. Hat das Neue auf diese Weise traditionelle Erscheinungsformen in der Kunst aufgehoben oder unterdrückt, ist es an dem Punkt angelangt, wo es sich selbst aufhebt. „

Harold Rosenberg
(Aus: »Keeping Up«, „New Yorker“, 1979)

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“ Der Maler malt, wie der Ochs brüllt – oder er ist kein Maler. Er malt wie andere gehen, stehen oder schwitzen. Malerei ist eine geistig-vegetative Verdauungsform. In unseren Tagen vergessen. Wie das geschah? Der Maler zog mit dem Sametjackett und der Künstlermähne die Lebensform aus, die Überzeugung, Boheme, Antibourgeoisie, Haltung äußerlich darstellte. Die Hornbrille, das Motorrad, das bisschen Wissen um Maschinen hat den Malern sehr schlecht getan. Sie stellen sich hin und malen ohne jede Überzeugung, ohne Not Bilder, wie sie vor hundert Jahren Waldmüller, Blechen, Runge, Friedrich und andere gemalt haben – nur mit dem Unterschied, dass dort Trieb, Drang und Müssen war, was heute organisierte kleine Originalitätssucht ist.

Im Zeitalter der bürgerlichen Kultur waren aus den Handwerkern genialisch-tuende Persönlichkeiten geworden, die Hauptsächlich für die Bildungswelt der Bourgeoisie (dies in immer zunehmendem Maß) arbeiteten und meist schlechte Beobachter waren, weil sie nur mehr lose in Wirtschaft eingeordnet waren.

In unserer Zeit wird aus dem genialisch-tuenden Künstler ein meist schizophrener Parasit, der nur deshalb nicht ganz aus der Gesellschaft verschwindet, d. h. in Irrenanstalten untergebracht wird, weil er harmlos ist und auch die Bourgeoisie als Abnehmerklasse schizophren geworden ist. Jede soziologische Einordnungsmöglichkeit nimmt steigend ab. „

Raoul Hausmann, Freigeist.
(Aus: »Die überzüchteten Künste«, „Der Gegner“, Berlin 1931)

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“ Wenn wir auch im Leben alles tun, um der Angst zu entgehen, in der Kunst müssen wir uns doch auf sie einlassen. Das ist schwer. „

Morton Feldman, Freigeist. 


 

Raoul Hausmann (1886-1971): »Der Geist Unserer Zeit – Mechanischer Kopf«, ca. 1920.