Archiv für den Tag: 16. Juli 2010

Verantwortung ist…? Freigeistige Variationen über Ernstzunehmendes…

 

Ein „verrückter Hund“, der gern auf Leute schießt

James Mattis wird Chef des US-Kommandos Centcom.
Ausgerechnet er, ausgerechnet James „Mad Dog“ Mattis. Der vierschrötige General des Marine-Corps, der dafür bekannt ist, deutliche und manchmal nur schwer zitable Worte zu verwenden, rückt in eine der wichtigsten Funktionen des US-Militärs auf. Er wird Chef des Centcom – jenes Kommandos, das zuständig ist für eine Region von 20 Staaten zwischen Ägypten und Zentralasien, zuständig für die Kriege im Irak und in Afghanistan. (…)
Pentagon-Chef Robert Gates streute dem Vier-Sterne-General der Marines nach dessen laut Washington Post allenthalben mit Erstaunen aufgenommener Beförderung Rosen: Er sei einer der „innovativsten Denker des US-Militärs“, ließ er verbreiten. Gleichzeitig hieß es in Washington, der Verteidigungsminister habe dem kampferprobten Truppenkommandeur eingeschärft, er möge seine allzu lockere Zunge zügeln, so er kein Schicksal wie der geschasste McChrystal erfahren wolle.
In der Tat kommt Gates‘ Warnung nicht von ungefähr: 2005 extemporierte Mattis, der unter anderem auch die stets an vorderster Front kämpfende 1st Marine Expeditionary Force befehligte, in San Diego leichten Herzens vor erstauntem Publikum, dass es ihm Spaß mache, auf Leute zu schießen. »Wir kommen nach Afghanistan und treffen Leute, die Frauen schlagen, weil die keine Schleier tragen. Es macht Spaß, auf diese Leute zu schießen. Das ist echt eine große Sause. Und ich mag es, mich zu prügeln.« (…)

Der Standard, 15. Juli 2010

°

“ In diesem Augenblick erschien der Fuchs.
»Guten Tag«, sagte der Fuchs.
»Guten Tag«, antwortete höflich der kleine Prinz, der sich umdrehte, aber nichts sah.
»Ich bin da«, sagte die Stimme, »unter dem Apfelbaum…«
»Wer bist du?« sagte der kleine Prinz. »Du bist sehr hübsch…«
»Ich bin der Fuchs«, sagte der Fuchs.
»Komm und spiel mit mir«, schlug ihm der kleine Prinz vor. »Ich bin so traurig…«
»Ich kann nicht mit dir Spielen«, sagte der Fuchs. »Ich bin noch nicht gezähmt.«
»Ah, Verzeihung!«, sagte der kleine Prinz.
Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu:
»Was bedeutet ›zähmen‹?«
»Du bist nicht von hier«, sagte der Fuchs, »was sucht du?«
»Ich suche Menschen«, sagte der kleine Prinz.
»Was bedeutet ›zähmen‹?«
»Die Menschen« sagte der Fuchs, »die haben Gewehre und schießen. Das ist sehr lästig. Sie ziehen auch Hühner auf. Das ist ihr einziges Interesse. Du suchst Hühner?«
»Nein«, sagte der kleine Prinz, »ich suche Freunde. Was heißt ›zähmen‹?«
»Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache«. sagte der Fuchs. »Es bedeutet, sich ›vertraut machen‹.«
»Vertraut machen?«
»Gewiss«, sagte der Fuchs. »Noch bist du für mich nichts als ein kleiner Junge, der hunderttausend kleinen Jungen völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt…«
»Ich beginne zu verstehen«, sagte der kleine Prinz. »Es gibt eine Blume… ich glaube, sie hat mich gezähmt…«
»Das ist möglich«, sagte der Fuchs. »Man trifft auf der Erde alle möglichen Dinge…«
»Oh, das ist nicht auf der Erde«, sagte der kleine Prinz.
Der Fuchs schien sehr aufgeregt:
»Auf einem anderen Planeten?«
»Ja.«
»Gibt es Jäger auf diesen Planeten?«
»Nein.«
»Das ist interessant! Und Hühner?«
»Nein.«
»Nichts ist vollkommen!« seufzte der Fuchs.
Aber der Fuchs kam auf seine Gedanken zurück:
»Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander. Ich langweilige mich also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben voller Sonne sein. Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen anderen unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig. Aber du hast weizenblondes Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen.«
Der Fuchs verstummte und schaute den kleinen Prinzen lange an.
»Bitte… zähme mich!« sagte er.
»Ich möchte wohl«, antwortete der kleine Prinz, »aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden und viele Dinge kennenlernen.«
»Man kennt nur die Dinge, die man zähmt«, sagte der Fuchs. »Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund haben willst, so zähme mich!«
»Was muss ich da tun?« sagte der kleine Prinz.
»Du musst sehr geduldig sein«, antwortete der Fuchs. »Du setzt dich zunächst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus den Augenwinkeln anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können…«
Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück.
»Es wäre besser gewesen, du wärst zu selben Stunde wiedergekommen«, sagte der Fuchs. »Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll… Es muss feste Bräuche geben.«
»Was heißt ›fester Brauch‹?« sagte der kleine Prinz.
»Auch etwas in Vergessenheit Geratenes«, sagte der Fuchs. »Es ist das, was einen Tag vom anderen unterscheidet, eine Stunde von den anderen Stunden. Es gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie tanzen am Donnerstag mit den Mädchen des Dorfes. Daher ist der Donnerstag ein wunderbarer Tag. Ich gehe bis zum Weinberg spazieren. Wenn die Jäger irgendwann einmal zum Tanze gingen, wären alle Tage gleich und ich hätte niemals Ferien.«
So machte der kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut. Und als die Stunde des Abschieds nahe war:
»Ach!« sagte der Fuchs, »ich werde weinen.«
»Das ist deine Schuld«, sagte der kleine Prinz, »ich wünsche dir nichts Übles, aber du hast gewollt, dass ich dich zähme…«
»Gewiss«, sagte der Fuchs.
»Aber nun wirst du weinen!« sagte der kleine Prinz.
»Bestimmt«, sagte der Fuchs.
»So hast du also nichts gewonnen!«
»Ich habe«, sagte der Fuchs, »die Farbe des Weizens gewonnen.«
Dann fügte er hinzu:
»Geh die Rosen wieder anschauen. Du wirst begreifen, dass die deine einzig ist in der Welt. Du wirst wiederkommen und mir adieu sagen, und ich werde dir ein Geheimnis schenken.«

Der kleine Prinz ging, die Rosen wiederzusehen.
»Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch nichts«, sagte er zu ihnen. »Niemand hat sich euch vertraut gemacht, und auch ihr habt euch niemandem vertraut gemacht. Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war nichts als ein Fuchs wie hunderttausend andere. Aber ich habe ihn zu meinem Freund gemacht, und jetzt ist er einzig in der Welt.«
Und die Rosen waren sehr beschämt.
»Ihr seid schön, aber ihr seid leer«, sagte er noch. »Man kann für euch nicht sterben. Gewiss, ein Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine Rose sei euch ähnlich. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist, die ich mit dem Wandschirm geschützt habe. Da sie es ist, deren Raupen ich getötet habe (ausser den zwei oder drei um der Schmetterlinge willen). Da sie es ist, die ich klagen oder sich rühmen gehört habe oder auch manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.«

Und er kam zum Fuchs zurück.
»Adieu«, sagte er.
»Adieu«, sagte der Fuchs. »Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«
»Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
»Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.«
»Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe…«, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.
Und er warf sich ins Gras und weinte.
»Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«, sagte der Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich…«
»Du bin für meine Rose verantwortlich…«, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken. „

Antoine De Saint-Exupéry, Freigeist.
(Als die Alliierten 1942 in Nordfrankreich landeten, schloss sich der Flieger Saint-Exupéry der Armee des Generals de Gaulle an. Am 31. Juli 1944 startete sein Fernaufklärer von der Insel Korsika aus zum letzten Flug: Der Pilot und Dichter kehrte nicht zurück.)

°

Es gibt keinen militärischen Ausweg
Die Absetzung von General McChrystal, der mit aller Macht zivile Opfer in Afghanistan vermeiden wollte, versetzt der Mission am Hindukusch einen schweren Schlag. Obama muss den militärischen Einsatz unter politischer Kontrolle halten, aber die Nerven liegen blank. (…)

Es gibt keinen militärischen Ausweg in Afghanistan. Die Aufständischen und die Taliban-Gruppen, die diesseits und jenseits der Grenze zu Pakistan kämpfen, müssen in einen politischen Prozess einbezogen werden. Doch die Zauberformel, wie dies geschehen kann, ist noch nicht gefunden worden. (…)

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Juni 2010