Archiv für den Tag: 15. Juli 2010

Hexerei ist…? Freigeistige Variationen über Ernstzunehmendes…


“ Im frühen Mittelalter konnte nahezu alles, was Frauen taten, als Hexerei bezeichnet werden, weil sie sowohl mit einer Vielzahl alltäglicher kleiner Zeremonien, als auch mit großen Zeremonien der jährlichen Hauptfeste die Göttin anriefen. Martin von Brega meinte, Frauen müssten dafür verurteilt werden, dass sie »Tische schmücken, Lorbeer tragen, Vorzeichen aus Fußspuren lesen, Früchte und Wein in den Kamin und Brot in den Brunnen stellen: Denn was ist dies anderes, als Teufelsverehrung? Wenn Frauen sich beim Spinnen an Minerva wenden, bei Hochzeiten den Tag der Venus beachten und sie anrufen, wann immer sie auf eine öffentliche Strasse gehen: Was ist das sonst, als Teufelsverehrung?«

An den Rand der offiziellen Religion gedrängt, gaben Frauen ihre privaten Familienrezepte und Zaubersprüche, ihre Flüche und Segen weiter, erzählten sich die überlieferten Geschichten und sagten die Zukunft aus »Omen« und »Zeichen« voraus. Der Dominikaner Johann Herolt behauptete: »Die meisten Frauen strafen ihren katholischen Glauben mit Zaubersprüchen und Beschwörungen Lügen. Sie handeln in der Weise ihrer Urmutter Eva, die dem Teufel, der aus der Schlange sprach, mehr glaubte als Gott selbst. Eine einzige Frau weiß mehr von solchem Aberglauben und Zauberformeln als hundert Männer.«

Die gleichen Taten wurden von Kirchenleuten zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich ausgelegt. In der ersten Hälfte der christlichen Ära war die Hexerei zugelassen; erst seit dem 14.Jahrhundert wurde sie als Ketzerei bezeichnet. Im Jahr 500 erkannte das Gesetz der salischen Franken das Recht der Hexen auf Ausübung der  Heilkunst an. Im Jahre 463 erklärte ein Erlass Hexenverbrennungen für ungesetzlich. Im Jahre 785 ließ die Synode von Paderborn verlauten, daß jeder der eine Hexe verbrannte, zum Tode verurteilt werden sollte. In Frankreich fand das erste Gerichtsverfahren, in dem jemand des Verbrechens der Hexerei angeklagt war, im Jahre 1390 statt.

Die Überzeugung vom »Bösen« der Hexerei hielt sich bis in die jüngste Zeit. Der letzte englische Hexenprozeß wurde im Jahr 1712 geführt, in Schottland wurde die letzte Hexe offiziell im Jahre 1727 verbrannt; inoffizielle Hexenverbrennungen fanden sogar noch später statt. Vor nur einem Jahrhundert wurde in dem russischen Dorf Wratschewe eine ältere Frau in ihre Hütte gesperrt und darin verbrannt, weil sie angeblich das Vieh verhext hatte. Ihre Mörder wurden vor Gericht gestellt, das ihnen aber nur eine leichte Kirchenbuße auferlegte. Im Januar 1928 prügelte eine ungarische Familie eine alte Frau mit der Behauptung, sie sei eine Hexe, zu Tode. Ein Gericht sprach sie frei, weil sie unter »unwiderstehlichem Zwang« gehandelt hatten.

Jedenfalls zeigt die Geschichte der Hexerei, dass Männer Frauen verfolgt haben, um das männliche Monopol auf einträgliche Unternehmungen wie Medizin und Magie aufrechtzuerhalten. Frauen, die durch hervorragende Leistungen auf irgendeinem Gebiet bekannt wurden, waren gefährdet, da fast jede von einer Frau erreichte Befähigung zur Hexerei erklärt werden konnte. Als die Kirche den Heilerinnen den Krieg erklärte, wurde das Heilen zum todeswürdigen Vergehen – sofern es durch  eine Frau ausgeübt wurde. Man verwehrte den Frauen das Studium der Medizin, und »wenn eine Frau es wagte, zu heilen ohne studiert zu haben, war sie eine Hexe und musste sterben.«

Die Ärzte beteiligten sich eifrig an der Hexenjagd, um die Konkurrenz auszuschalten; all dies geschah sehr überlegt. »Es gibt zahlreiche Fälle, in denen die Kirche sich mit verschiedenen wirtschaftlichen Interessengruppen – von Ärzten und Juristen bis hin zu Kaufmannsgilden – zusammentat. Angesichts dieser Fälle, in denen es nicht nur darum ging, wiederholt ein vernichtendes Urteil über die Untüchtigkeit der Frau zu verkünden, sondern auch deren physische Vernichtung in Hexen- und Ketzerprozessen zu betreiben, kann man wohl kaum behaupten, dies alles sei völlig absichtslos geschehen.« (Boulding) „

Barbara G. Walker, Freigeist.
(Aus: »The Woman’s Encyclopedia of Myths and Secrets«, New York 1983

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“ Im Laufe der Zeitalter weiblicher Vorherrschaft waren Frauen mit dem Besitz der ihnen eignen Magie durchaus zufrieden und neideten den Männern ihr kleines Werkzeug nicht, dass sich so leicht borgen ließ, wenn es nötig war. Tatsächlich fehlte es der Großen Mutter nie an einem Phallus… der Phallus stand ihr zu Diensten.

Er war ständig im Heiligtum der Göttin ausgestellt und war nicht der Phallus eines bestimmten Gottes oder Sterblichen, war kein Mann oder Gott mit einem Phallus, sondern einfach ein Phallus an sich, ein entpersönlichtes Instrument, das jederzeit zur Verfügung bereitstand. Einmal gebraucht war es nicht mehr von Nutzen. Für die grosse Mutter sind Penisse, wie für gewisse Töchter in heutiger Zeit, entbehrlich: Es sind immer neue erhältlich und diese vermutlich besser.

Die neuen sind natürlich jünger; und die Angst benutzt zu werden und dazu verdammt zu sein, durch einen jüngeren ersetzt zu werden – sowohl im sexuellen wie auch im allgemeinen Dienst an der Göttin – mag gelegentlich ein Quell tiefer Besorgnis für Männer mittleren Alters darstellen. „

Dr. Wolfgang Lederer, Psychoanalytiker.
(Aus: The Fear of Woman, New York, 1968)

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Aus dem »Malleus Maleficarum« (Hexenhammer) 1486, dem quasi offiziellen Handbuch der Inquisition:

(Es heißt in diesem Kapitel, eine Hexe habe einem Mann seinen Penis gestohlen, dieser habe sie aber gefangen und gezwungen, ihm dessen Verbleib zu entdecken. Sie hieß ihn auf einen hohen Baum steigen und in ein Nest sehen, das voller Penisse war. Er suchte sich den größten aus, aber die Hexe erklärte, diesen könne er nicht haben, er gehöre dem Gemeindepfarrer…)

“ Was endlich von jenen Hexen zu halten sei, welche bisweilen solche Glieder in namhafter Menge, zwanzig bis dreißig auf einmal, in ein Vogelnest oder einen Schrank einschließen, wo sie sich wie lebende Glieder bewegen, Körner und Futter nehmen, wie es von Vielen gesehen ist und allgemein erzählt wird… “ (u.s.w.)

(Insgesamt soll etwa drei Millionen Menschen in Europa der Hexen-Prozess gemacht worden sein, etwa jeder Fünfzigste wurde hingerichtet. 80 % der Opfer waren Frauen.)

Hans Baldung, genannt Grien (1484-1545) : Drei Hexen, 1514

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Scheiterhaufen und Kommerz – lebensgroße „Hexenpuppe“ stößt auf Kritik.

FULDA – „Löherstraße bezaubert“ – unter diesem Motto steht das Programm der Fuldaer Interessengemeinschaft (IG) Löherstraße, das bis Ende Oktober zu einer Reihe von kulturellen Veranstaltungen einlädt. Die „verschlafene Löherstraße“ als Teil der Kulturstraße „Via Regia“ solle „durch Zauber zu neuem Leben erweckt werden“, sagte der Mitinitiator Franz Köhler am Samstagvormittag. Das Logo dazu zeigt „eine freundliche junge Hexin“, außerdem hängt nun eine lebensgroße „Hexenpuppe“ samt Besen über der Straße – „in Erinnerung an die Hexengeschichte bzw. »Marga Bien«“, heißt es dazu im Programm.

Gemeint ist Merga Bien, eine Frau aus Fulda, die im Jahr 1603 wegen Hexerei verhaftet, gefoltert und schließlich hingerichtet wurde. Dieses Ansinnen ruft Kritiker auf den Plan: „Sie hätten Harry Potter nehmen können oder Bibi Blocksberg – aber nicht Merga Bien“, sagt Ingrid Möller-Münch. Die Eichenzellerin ist die Vorsitzende des Fördervereins des Frauenzentrums Fulda. Sie hat ein Buch über das Leben von Merga Bien geschrieben und gilt als Expertin hinsichtlich der Aufarbeitung
der Hexenverfolgung in der Region Fulda. (…)

Osthessen-News, 3. Juli 2010

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MARKTBERICHT: Tanz der Hexen

Schuldenkrise in Europa, Banken-Stresstests, Euro-Schwäche: Und dann auch noch der große Verfallstag an den Terminmärkten. Anleger mussten sich also auf einiges gefasst machen am Freitag.
Börsianer nennen den Verfallstag wegen der teils heftigen Kursausschläge auch „Hexensabbat“. An einem solchen Tag werden Optionen auf Aktien sowie die Terminkontrakte auf Indizes fällig. Anleger versuchen dabei, die Kurse derjenigen Aktien, auf die sie Optionen halten, in die für sie günstige Richtung zu beeinflussen. Am Freitag war es wieder soweit. Und der deutsche Aktienindex Dax bewegte sich erst ins Plus, um dann wieder ins Minus zu drehen, danach wieder ins Plus zu springen und so fort. (…)

Berliner Morgenpost, 19. Juni 2010