Archiv für den Tag: 13. Juli 2010

Gleichstellung ist…: Freigeistige Variationen über Ernstzunehmendes…

 

Artikel I:
Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Manne gleich in allen Rechten. Die sozialen Unterschiede können nur im allgemeinen Nutzen begründet sein.

Artikel II:
Ziel und Zweck jedes politischen Zusammenschlusses ist der Schutz der natürlichen und unveräußerlichen Rechte sowohl der Frau als auch des Mannes. Diese Rechte sind: Freiheit, Sicherheit, das Recht auf Eigentum und besonders das Recht auf Widerstand gegen Unterdrückung.

Artikel III:
Die Legitimität jeder Herrschaft ruht wesentlich in der Nation, die nichts anders darstellt als eine Vereinigung von Frauen und Männern. Keine Körperschaft und keine einzelne Person kann Macht ausüben, die nicht ausdrücklich daraus hervorgeht.

Artikel IV:
Freiheit und Gerechtigkeit besteht darin, den anderen zurückzugeben, was ihnen gehört. So wird die Frau an der Ausübung ihrer natürlichen Rechte nur durch die fortdauernde Tyrannei, die der Mann ihr entgegensetzt, gehindert. Diese Schranken müssen durch Gesetze der Natur und Vernunft revidiert werden.

Artikel V:
Die Gesetze der Natur und Vernunft wehren alle Handlungen ab, die ihr schaden könnten. Alles, was durch diese weisen und göttlichen Gesetze nicht verboten ist, darf nicht behindert werden, und niemand darf gezwungen werden, etwas zu tun, was diese Gesetze nicht ausdrücklich vorschreiben.

Artikel VI:
Recht und Gesetz sollten Ausdruck des Gemeinwillens sein. Alle Bürgerinnen und Bürger sollten persönlich oder durch ihre Vertreter an ihrer Gestaltung mitwirken. Es muss für alle das gleiche sein.  Alle Bürgerinnen und Bürger, die gleich sind vor den Augen des Gesetzes,  müssen gleichermaßen nach ihren Fähigkeiten, ohne andere Unterschiede als die ihrer Tugenden und Talente,  zu allen Würden, Ämtern und Stellungen im öffentlichen Leben zugelassen werden.

Artikel VII:
Für Frauen gibt es keine Sonderrechte; sie werden verklagt, in Haft genommen und gehalten wie immer es das Gesetz vorsieht. Frauen unterstehen wie Männer den gleichen Strafgesetzen.

Artikel VIII:
Das Gesetz soll nur Strafen verhängen, die unumgänglich und offensichtlich notwendig sind. Und niemand darf bestraft werden, es sei denn Kraft eines rechtsgültigen Gesetztes, das bereits vor dem Delikt in Kraft war und das legal auf Frauen angewandt wird.

Artikel IX:
Die gesetzliche Strenge muss gegenüber jeder Frau walten, die für schuldig befunden wurde.

Artikel X:
Wegen seiner Meinung, auch wenn sie grundsätzlicher Art ist, darf niemand verfolgt werden. Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen. Sie muss gleichermaßen das Recht haben, die Tribüne zu besteigen, vorausgesetzt, dass ihre Handlungen und Äußerungen die vor dem Gesetz gewahrte öffentliche Ordnung nicht stören.

Artikel XI:
Die freie Gedanken- und Meinungsäußerung ist eines der kostbarsten Rechte der Frau, denn diese Freiheit garantiert die Vaterschaft der Väter an ihren Kindern. Jede Bürgerin kann folglich in aller Freiheit sagen: »Ich bin die Mutter eines Kindes, das du gezeugt hast«, ohne dass ein barbarisches Vorurteil sie zwingt, die Wahrheit zu verschleiern. Dadurch soll ihr nicht die Verantwortung für den Missbrauch dieser Freiheit in den Fällen, die das Gesetz bestimmt, abgenommen werden.

Artikel XII:
Die Garantie der Rechte der Frau und Bürgerin soll dem allgemeinen Nutzen dienen. Diese Garantie soll zum Vorteil aller und nicht zum persönlichen Vorteil derjenigen, denen sie anvertraut ist, sein.

Artikel XIII:
Für den Unterhalt der Polizei und für die Verwaltungskosten werden von der Frau wie von dem Manne gleiche Beiträge gefordert. Hat die Frau teil an allen Pflichten und Lasten, dann muss sie ebenso teilhaben an der Verteilung der Posten und Arbeiten, in niederen und hohen Ämtern und im Gewerbe.

Artikel XIV:
Die Bürgerinnen und Bürger haben das Recht, selbst oder auch durch ihre Repräsentanten über die jeweilige Notwendigkeit der öffentlichen Beiträge zu befinden. Die Bürgerinnen können dem Prinzip, Steuern in gleicher Höhe aus ihrem Vermögen zu zahlen, nur dann beipflichten, wenn sie an der öffentlichen Verwaltung teilhaben und die Steuern, ihre Verwendung, ihre Einziehung und Zeitdauer mit festsetzten.

Artikel XV:
Die weibliche Bevölkerung, die gleich der männlichen Beiträge leistet, hat das Recht, von jeder öffentlichen Instanz einen Rechenschaftsbericht zu verlangen.

Artikel XVI:
Eine Gesellschaft, in der die Garantie der Rechte nicht gesichert und die Trennung der Gewalten nicht festgelegt ist, hat keine Verfassung. Es besteht keine Verfassung, wenn die Mehrheit der Individuen, die das Volk darstellen, an ihren Zustandekommen nicht mitgewirkt hat.

Artikel XVII:
Das Eigentum gehört beiden Geschlechtern vereint oder einzeln. Jede Person hat darauf eine unverletzliches und heiliges Anrecht. Niemanden darf es als eigentliches Erbteil vorenthalten werden, es sei denn, eine öffentliche Notwendigkeit, die rechtmäßig ausgewiesen wurde, mache es erforderlich, natürlich unter der Voraussetzung einer gerechten und vorher festgesetzten Entschädigung.

Olympe Marie de Gouges, Freigeist.  
(Französische Schriftstellerin, 1793 unter Robespierre hingerichtet) 
 Französische Revolution: 1789-1799

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„Es ist nicht egal, wo du hineingeboren wirst“

Claudia Klimt-Weithaler, die KPÖ-Spitzenkandidatin für die steirischen Landtagswahlen, tritt das Erbe Ernest Kalteneggers an, der sich aus der Politik zurückzog. (…)

Standard: Die ersten Plakate von Ihnen wurden am 8. März affichiert. Ein Zufall?
Klimt-Weithaler: Nein, wir wollten damit aufzeigen, wie wenig Frauen noch immer in Spitzenpositionen sind. Das ist ein Kernthema von uns. Bei der letzten Landtagssitzung haben wir es auch geschafft, dass in das Wirtschaftsförderungsgesetz Richtlinien aufgenommen wurden, die für Frauenförderung und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sorgen. (…)

Standard: Sie haben 2003 eine Kinderkrippe gegründet und bis vor kurzem geleitet. Wie kommunistisch war ihr Konzept? Kollektives Töpfchengehen wie in der DDR?
Klimt-Weithaler (lacht): Nein. Meine zwei Grundpfeiler waren: Alle Kinder, wurscht woher sie kommen, sollen eine Betreuung kriegen, die sie in ihrem Menschsein unterstützt und Handlungsspielräume schafft. Denn es ist nicht egal, wo du hineingeboren wirst. Das zweite war die geschlechtssensible Pädagogik. Denn wenn Gleichstellung irgendwann gelingen soll, muss man ganz früh ansetzen. So gesehen wurde es eine kommunistische Kinderkrippe.

Standard: In die auch bürgerliche und adelige Grazer ihre Kinder bringen … 
Klimt-Weithaler: Ja, das ist das Schöne daran: Alle Menschen finden ihren Weg zu uns.

 DER STANDARD, 11. Juli 2010

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„Frauen müssen ihre Kompetenz unter Beweis stellen – Männer nicht“

Martell – Heidi Gamper ist die eine der wenigen jungen Gemeinderätinnen im Vinschgau, die sich Referentin nennen darf. Sie ist in ihrer Heimat gemeinde Martell für Sport, Vereine, Frauen, Senioren, Jugend und Personennahverkehr zuständig. (…)

Angesichts der sich im Steigen befindenden Anzahl von weiblichen Politikern, man denke nur an die vielen Vizebürgermeisterinnen im Vinschgau, scheint es so, als ob Frauen immer höhere politische Ämter besetzen. Warum haben es die Frauen dennoch schwer, sich in der Politik zu behaupten und woran kann das liegen?

Heidi Gamper: In der Jugendpolitik habe ich eigentlich immer das Gefühl gehabt, gleichberechtigt zu sein und mit den männlichen Kollegen auf der selben Ebene zu stehen. Aber dieses Gefühl stellt sich ein, sobald man als Frau an einen gewissen Punkt kommt, wo einem klar wird, dass man eine noch bessere Leistung erzielen muss, um dieselben Ziele wie die Männer zu erreichen. Nicht nur in der Politik, einer von Männern dominierten Welt, sondern auch in der Berufswelt haben es Frauen schwerer. Frauen können schließlich schwanger werden und fallen prinzipiell laut Meinung der Männer einfach aus. So kommt es, dass Frauen immer wieder ihre Kompetenz beweisen müssen, und dieser sogenannte „Aha- Effekt“, wenn Frauen dies schaffen, ist immer wieder spürbar, egal in welcher Gesellschaft man sich bewegt. Deshalb sollte es auch mehr Netzwerke unter Frauen geben, damit sie sich gegenseitig unterstützen und helfen können. (…)

Der Vinschger, Ausgabe 26/10 vom 7. Juli 2010