Lega Nord droht mit Sezession
Castelli erklärte, die Lega Nord, zweitstärkste Regierungspartei, sei ein zuverlässiger Bündnispartner von Regierungschef Silvio Berlusconi. “Heute hält die Lega de facto den italienischen Staat zusammen”, versicherte Castelli. Er und Parteichef Umberto Bossi wurden von 30.000 Lega-Anhängern bejubelt, die sich an dem alljährlichem Treffen in der kleinen Ortschaft beteiligten.
Der Standard, 20. Juni 2010
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LEGA NORD
Die aus der lombardischen Liga hervorgegangene Lega Nord ist bisher meist als Produkt spezifisch italienischer Verhältnisse gesehen worden, als kuriose urbanistische Bewegung, die in den reichen norditalienischen Städten das Ressentiment der Mittelschicht organisiert und deren wirtschaftlichem Egoismus eine politische Fassung gibt. Aber so folkloristisch verlogenen Zauber sie auf ihren Massenveranstaltungen auch abzubrennen weiß, ist sie doch kein italienisches Phänomen, das in die Vergangenheit weist, sondern ein europäisches, dem wir in Zukunft unter vielen Namen und allerlei Kostümen begegnen werden.
Was ist an einer politischen Bewegung so zukunftsweisend, die sich gerade karikaturhaft der äußeren Symbole bedient, unter welchen sich einst die längst zerfallenen mittelalterlichen Kommunen gesammelt hatten? Und in welchen ihrer lokalpatriotischen, selbstbewusst auf die Enge des regionalen Ressentiments bezogenen Vorstellungen würde sich gar eine europäische Perspektive öffnen?
Bei so viel Reichtum wächst dort, wo er zu Hause ist, ein ganz neues Gefühl von Zusammengehörigkeit, von Identität, die sich nicht mehr in einem großen Staat aller Italiener behütet weiß, sondern, sich zu schützen, die Grenzen enger ziehen möchte; so eng, bis sie nur mehr jene Regionen umschließen, die vom gleichen Reichtum geprägt sind und mit denen man ihn daher auch nicht teilen muss, sondern mehren kann. Die Lega Nord mit ihrem Traum von der Republik Padanien ist eine besonders krasse Form des modernen Regionalismus, der sich gerne bewahrend gibt, in Wahrheit aber gewachsene Strukturen zerschlagen möchte, um alles aus dem Weg zu räumen, was den regionalen Egoismus daran hindern möchte, sich ungehemmt zu entfalten.
Tatsächlich steht am Anfang und am Ende regionaler Bewegungen wie der Lega Nord oft die Steuerrevolte einer privilegierten Schicht, die sich ihren Reichtum so innig und geradezu körperlich anverwandelt hat, dass sie Steuerabgaben als schmerzenden Aderlass, als eine Form staatlich erzwungener Monatsblutung empfindet. Der Reichtum, der in Padanien erwirtschaftet wird, soll auch in Padanien bleiben, so einfach wie eingängig ist die Lehre, die diese Leghisten aus der Lombardei, aus Dänemark, Flandern, Katalonien oder sonstwo anzubieten haben. In der Aufkündigung jeden Zusammenhalts, der über den aktuellen ökonomischen Nutzen hinausgeht, liegt natürlich gerade für jene Staaten ein immenses Risiko, deren Zusammenhalt immer schon ein prekärer war, also für Länder wie Belgien oder Italien, wenngleich keineswegs nur für diese.
Natürlich ist der Wohlstand des Nordens in Italien die längste Zeit durch die Armut des Südens nicht gemindert, sondern gemehrt worden. Die billigen Arbeitskräfte, die über Generationen die Lombardei, das Piemont zu industriellen Musterzonen ausbauten, waren stets aus dem Süden gekommen, verachtet und benötigt wie die Arbeitsemigranten des Südens überall in Europa, Gastarbeiter im eigenen Land. Nicht der wahnwitzigste Egoist des nördlichen Reichtums wäre damals der Idee verfallen, die aus dem Süden kommenden Arbeiter ab- und sie einem anderen Staat zuzuweisen.
Was auf internationaler Ebene Brauch ist, ebendas möchten mit den italienischen Leghisti viele verwandte politische Bewegungen in ganz Europa erreichen: dass die fungible Arbeitskraft, wenn sie nicht mehr benötigt wird, wieder über die Grenzen zurückgedrängt werden kann – und sei es, dass dafür neue Grenzen, die mitten durch die alten Reiche oder Staaten schneiden, geschaffen werden müssen.
Regionen, Bundesländer, Teilrepubliken, Städte entdecken, dass es für sie lohnt, wenn sie sich unmittelbar an Europa orientieren und gleich nach dem Binnenmarkt der Union streben, ohne dafür noch länger den Umweg über den kleineren Markt und den sozialen Zusammenhalt des überkommenen Staates und seiner Nation in Kauf zu nehmen. So können sie sich vorurteilsfrei und zivilisiert geben, frei von nationalem Dünkel; wer sich in ihrer Sprache, der des Geldes, mit ihnen von gleich zu gleich unterhalten kann, der ist ihnen allezeit willkommen, woher und wer er im übrigen auch sei, als Fremder verdächtig, ja verhasst ist ihnen einzig der Arme, und wäre er aus dem eigenen Land.
Karl-Markus Gauß, Freigeist.
(Aus: »Europäisches Alphabet«, 1997)
Mehrheit der Franzosen für Eingliederung der Wallonie
Hintergrund ist der Konflikt zwischen der frankophone Region Belgiens mit den niederländisch sprechenden Flamen.
Paris – Zwei Drittel der Franzosen sind einer Umfrage zufolge dafür, im Falle einer Spaltung Belgiens die frankophone Region Wallonie in Frankreich einzugliedern. Die Befürworter einer solchen Lösung werden zudem immer mehr, wie die am Donnerstag von der Zeitung “France Soir” veröffentlichten Zahlen zeigen. Waren es im November 2007 noch 54 Prozent und im Juli 2008 60 Prozent, so stieg ihr Anteil nunmehr auf 66 Prozent.
Die niederländisch sprechenden Flamen und die Wallonen sind tief zerstritten. Vordergründig geht es um den Gebrauch ihrer jeweiligen Sprache. Dahinter stehen aber wirtschaftliche und soziale Unterschiede sowie Verteilungskämpfe. (…)