Archiv für den Tag: 12. Juli 2010

Habgier ist…: Freigeistige Variationen über Ernstzunehmendes…

 

Lega Nord droht mit Sezession

Rom – Italiens rechtspopulistische Regierungspartei Lega Nord hat am Sonntag mit der Sezession Norditaliens gedroht, sollte das Land nicht in einen föderalistischen Staat umgewandelt werden, wie die Gruppierung seit ihrer Gründung vor 25 Jahren verlangt. „Wenn es nicht zum Föderalismus kommt, kann es nur die Sezession geben, nicht weil es die Lega Nord fordert, sondern weil es ganz Norditalien verlangen wird“, sagte Unterstaatssekretär Roberto Castelli, Spitzenpolitiker der Lega Nord, bei der Jahresversammlung der Parteianhänger im lombardischen Pontida am Sonntag.

Castelli erklärte, die Lega Nord, zweitstärkste Regierungspartei, sei ein zuverlässiger Bündnispartner von Regierungschef Silvio Berlusconi. „Heute hält die Lega de facto den italienischen Staat zusammen“, versicherte Castelli. Er und Parteichef Umberto Bossi wurden von 30.000 Lega-Anhängern bejubelt, die sich an dem alljährlichem Treffen in der kleinen Ortschaft beteiligten.

Lega-Gründer und Reformenminister Bossi betonte, seine Partei habe den friedlichen Weg gewählt, um zum Föderalismus zu gelangen, obwohl viele Anhänger bereit wären, für dieses Ziel auch mit den Waffen zu kämpfen. „Bis Norditalien nicht frei sein wird, wird der Kampf nicht aufgegeben“, versicherte Bossi. Er verlangte, dass einige Ministerien von der Hauptstadt Rom nach Mailand verlegt werden. (…)

Der Standard, 20. Juni 2010

°

LEGA NORD

Die aus der lombardischen Liga hervorgegangene Lega Nord ist bisher meist als Produkt spezifisch italienischer Verhältnisse gesehen worden, als kuriose urbanistische Bewegung, die in den reichen norditalienischen Städten das Ressentiment der Mittelschicht organisiert und deren wirtschaftlichem Egoismus eine politische Fassung gibt. Aber so folkloristisch verlogenen Zauber sie auf ihren Massenveranstaltungen auch abzubrennen weiß, ist sie doch kein italienisches Phänomen, das in die Vergangenheit weist, sondern ein europäisches, dem wir in Zukunft unter vielen Namen und allerlei Kostümen begegnen werden.

Die Sezession vom italienischen Nationalstaat, wie ihn die Leghisti 1996 proklamiert haben, indem sie die Republik Padanien ausriefen, ist somit nicht nur ein makabrer Scherz, mit dem sich diese fanatischen Religionskrieger, die hemmungslos dem Abgott der Raffgier verfallen sind, auf ihrem langen Marsch bei Laune halten mögen. Als solcher bräuchte die martialische Ankündigung der Leghisti, vom Apennin zu den Alpen, von Genua nach Triest, einen zweiten italienischen Staat der Reichen zu gründen, nur die italienischen Nationalisten zu kümmern, denen ihr teures Vaterland von Sizilien bis Friaul recht. Doch ist die Repubblica Padana nicht nur ein Scherz, über den man in Mailand lachen mag, sondern ein Menetekel für Europa, ein Zeichen an der Wand jenes Gebäudes, das rasch hochzuziehen offenbar ein Abrißunternehmen beauftragt wurde und für das sich bei den vereinigten Schwätzern des Kontinents der selbst wiederum unfreiwillige Name »europäisches Haus« eingebürgert hat.

Was ist an einer politischen Bewegung so zukunftsweisend, die sich gerade karikaturhaft der äußeren Symbole bedient, unter welchen sich einst die längst zerfallenen mittelalterlichen Kommunen gesammelt hatten? Und in welchen ihrer lokalpatriotischen, selbstbewusst auf die Enge des regionalen Ressentiments bezogenen Vorstellungen würde sich gar eine europäische Perspektive öffnen?

Nun, mit Padanien sind nicht nur die Ebenen des Po, die »pianura padana« gemeint, denen die imaginäre Republik ihren altertümelnden Namen verdankt, sondern jene italienischen Regionen von Piemont über die Lombardei nach Venetien, die zu den reichsten, wirtschaftlich produktivsten Zonen Europas gehören. Das Trivenoto, das den Veneto um Venedig, Trient-Südtirol und den Julisch-friulanischen Raum von Udine umfasst, hat, was das Bruttosozialprodukt anbelangt, sogar die wirtschaftlich stärksten Bundesländer Deutschlands überholt. 

Bei so viel Reichtum wächst dort, wo er zu Hause ist, ein ganz neues Gefühl von Zusammengehörigkeit, von Identität, die sich nicht mehr in einem großen Staat aller Italiener behütet weiß, sondern, sich zu schützen, die Grenzen enger ziehen möchte; so eng, bis sie nur mehr jene Regionen umschließen, die vom gleichen Reichtum geprägt sind und mit denen man ihn daher auch nicht teilen muss, sondern mehren kann. Die Lega Nord mit ihrem Traum von der Republik Padanien ist eine besonders krasse Form des modernen Regionalismus, der sich gerne bewahrend gibt, in Wahrheit aber gewachsene Strukturen zerschlagen möchte, um alles aus dem Weg zu räumen, was den regionalen Egoismus daran hindern möchte, sich ungehemmt zu entfalten.

Je rücksichtsloser solch entfesselter Regionalismus sich über Traditionen sich hinwegsetzt, um so sentimentaler beschwört er diese Traditionen in der Form politischen Kitsches. Dem überkommenen Nationalismus war der große Raum teuer, die Vorstellung des weitausgedehnten, viele Millionen Menschen umfassenden, mächtigen Nationalstaates. Dem zeitgemäßen Regionalisten sind solche Ziele fremd, weil er in den Armen, sozial Benachteiligten des großen Vaterlandes längst nicht mehr den Angehörigen der gemeinsamen Nation zu erkennen bereit ist. Die Gemeinschaft, auf die es ihm ankommt, weil er schließlich nicht alleine reich werden und bleiben kann, ist nicht die große, in Regionen und Klassen zerfallene Nation, das teure Vaterland, der mächtige Staat, sondern die seiner eigenen Steuergruppe.

Tatsächlich steht am Anfang und am Ende regionaler Bewegungen wie der Lega Nord oft die Steuerrevolte einer privilegierten Schicht, die sich ihren Reichtum so innig und geradezu körperlich anverwandelt hat, dass sie Steuerabgaben als schmerzenden Aderlass, als eine Form staatlich erzwungener Monatsblutung empfindet. Der Reichtum, der in Padanien erwirtschaftet wird, soll auch in Padanien bleiben, so einfach wie eingängig ist die Lehre, die diese Leghisten aus der Lombardei, aus Dänemark, Flandern, Katalonien oder sonstwo anzubieten haben. In der Aufkündigung  jeden Zusammenhalts, der über den aktuellen ökonomischen Nutzen hinausgeht, liegt natürlich gerade für jene Staaten ein immenses Risiko, deren Zusammenhalt immer schon ein prekärer war, also für Länder wie Belgien oder Italien, wenngleich keineswegs nur für diese.

»Christus kam nur bis Eboli« hat vor Jahrzehnten der italienische Schriftsteller Carlo Levi ein Buch benannt und schon im Titel kritisiert, dass es in Italien zwei Welten gibt, die rettungslos in Armut und paternalistische Korruption niedergedrückte des Südens und die wohlhabende des Nordens, zu deren Reichtümern auch die Zivilisation gehört. Was Levi empört feststellte, den Padaniern von heute ist es selbstzufriedenes Argument, die reale Existenz von zwei Italien auf der einen Halbinsel des Apennin endlich etatistisch abzusichern: Auf dass der Norden gar nichts mehr von seinem Wohlstand an den Süden, an das Stück Afrika in Europa, an das verbrannte Land der »terroni« und »caffioni«, der elenden Steinefresser abgeben müsse.

Natürlich ist der Wohlstand des Nordens in Italien die längste Zeit durch die Armut des Südens nicht gemindert, sondern gemehrt worden. Die billigen Arbeitskräfte, die über Generationen die Lombardei, das Piemont zu industriellen Musterzonen ausbauten, waren stets aus dem Süden gekommen, verachtet und benötigt wie die Arbeitsemigranten des Südens überall in Europa, Gastarbeiter im eigenen Land. Nicht der wahnwitzigste Egoist des nördlichen Reichtums wäre damals der Idee verfallen, die aus dem Süden kommenden Arbeiter ab- und sie einem anderen Staat zuzuweisen.

Wenn sich die Republik Padanien jetzt süditalienerfrei setzten möchte, ja unter dem Banner Mitteleuropas die Nähe zu Bayern, Österreich, selbst zum aufstrebenden Slowenien betont, dann wagt sich solcher von rassistischen Exzessen erregter Hochmut nur deswegen zu äußern, weil der ökonomische Wert der ungeschulten Arbeitskräfte aus dem Mezzogiorno drastisch gesunken ist. Wie Bayern ist auch die Industrieregion Norditaliens ein Land von High-Tech und hochspezialisierter Arbeiter, für die der klassische Arbeiter des Südens immer weniger gebraucht wird.

Was auf internationaler Ebene Brauch ist, ebendas möchten mit den italienischen Leghisti viele verwandte politische Bewegungen in ganz Europa erreichen: dass die fungible Arbeitskraft, wenn sie nicht mehr benötigt wird, wieder über die Grenzen zurückgedrängt werden kann – und sei es, dass dafür neue Grenzen, die mitten durch die alten Reiche oder Staaten schneiden, geschaffen werden müssen.

Auch im Zerfall Jugoslawiens, der freilich hauptsächlich durch den serbischen Nationalismus verursacht wurde, hat das Motiv des wirtschaftlichen Egoismus, der die reicheren Republiken den Weg der Separation gehen ließ, eine bedeutende Rolle gespielt. Es müssen sich die neuen Wirtschaftseinheiten, deren Umrisse da und dort zu erkennen sind, längst nicht mehr immer nach dem blutigen Szenario des zerfallenden Jugoslawien formieren, doch indes sich Europa zur Union zusammenschließt, produziert es jedenfalls zugleich den Zerfall.

Regionen, Bundesländer, Teilrepubliken, Städte entdecken, dass es für sie lohnt, wenn sie sich unmittelbar an Europa orientieren und gleich nach dem Binnenmarkt der Union streben, ohne dafür noch länger den Umweg über den kleineren Markt und den sozialen Zusammenhalt des überkommenen Staates und seiner Nation in Kauf zu nehmen. So können sie sich vorurteilsfrei und zivilisiert geben, frei von nationalem Dünkel; wer sich in ihrer Sprache, der des Geldes, mit ihnen von gleich zu gleich unterhalten kann, der ist ihnen allezeit willkommen, woher und wer er im übrigen auch sei, als Fremder verdächtig, ja verhasst ist ihnen einzig der Arme, und wäre er aus dem eigenen Land.

Dante hatte sie schon alle gekannt, diese vereinigten Padanier Europas, und im vierten Kreis der Hölle gesehen, wie sie ihr Erzübel, die Habgier, sühnen, indem sie sinnlos dahineilend unablässig Lasten wälzen müssen, wie mit Peitschen für alle Ewigkeit angetrieben von der Frage ihres Daseins: »Was raffst du?«

Karl-Markus Gauß, Freigeist.
(Aus: »Europäisches Alphabet«, 1997) 

°

Mehrheit der Franzosen für Eingliederung der Wallonie

Hintergrund ist der Konflikt zwischen der frankophone Region Belgiens mit den niederländisch sprechenden Flamen.
Paris – Zwei Drittel der Franzosen sind einer Umfrage zufolge dafür, im Falle einer Spaltung Belgiens die frankophone Region Wallonie in Frankreich einzugliedern. Die Befürworter einer solchen Lösung werden zudem immer mehr, wie die am Donnerstag von der Zeitung „France Soir“ veröffentlichten Zahlen zeigen. Waren es im November 2007 noch 54 Prozent und im Juli 2008 60 Prozent, so stieg ihr Anteil nunmehr auf 66 Prozent.
Die niederländisch sprechenden Flamen und die Wallonen sind tief zerstritten. Vordergründig geht es um den Gebrauch ihrer jeweiligen Sprache. Dahinter stehen aber wirtschaftliche und soziale Unterschiede sowie Verteilungskämpfe. (…)

Der Standard, 10. Juni 2010