Archiv für 11. Juli 2010

Feinfreigeistiges aus dem Kopfkissenbuch einer japanischen Hofdame…

Sonntag, 11. Juli 2010


Dinge,
die nah und fern sind:
das Paradies,
der Weg eines Bootes,
die Beziehung zwischen Mann und Frau.



Kitagawa Utamaro (1753-1806)



Das Haar gewaschen,
Schminke angelegt
und ein nach kAi??stlichem RAi??ucherwerk duftendes Kleid angezogen.
In welch eine wundervolle Stimmung versetzt uns das,
selbst wenn uns niemand sieht.


Kitagawa Utamaro (1753-1806)



Was eine schAi??ne Erinnerung weckt:
getrocknete Stockrosen,
Dinge, die fA?r das Puppenfest gebraucht werden,
ein violetter oder weinrebenfarbener Stoffrest,
den man flach gedrA?ckt in einem Buch entdeckt
und bei dem man sich an die Anfertigung eines Gewands erinnert,
an einem langweiligen Regentag Briefe eines ehemaligen Geliebten finden,
eine

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helle Mondnacht.



Kitagawa Utamaro (1753-1806)



Im Sommer
ist mir die Nacht am liebsten.
NatA?rlich bewundere ich das Mondlicht;
aber ich liebe auch die Finsternis,
wenn GlA?hwA?rmchen vorA?berfliegen.
Selbst bei Regen hat die Sommernacht einen Reiz fA?r mich.

















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Kitagawa Utamaro (1753-1806)



Im Herbst ziehe ich den Abend vor.
Die untergehende Sonne schickt ihre leuchtenden Strahlen aus
und nAi??hert sich den BergkAi??mmen.
Da fliegen die Raben zu ihren SchlafstAi??tten,
und wenn man sie zu dritt, zu viert, zu zweit vorbeiziehen
sieht,
erfA?llt einen sanfte Wehmut.
Und noch hA?bscher sind die langen Reihen von WildgAi??nsen,
die ganz winzig erscheinen!
Nachdem die Sonne dann verschwunden ist,
verstrAi??mt das GerAi??usch des Windes
und das Zirpen der Insekten eine Melancholie,
die mich fasziniert.



















Kitagawa Utamaro (1753-1806)



Im Winter,
wenn man sich bei groAYer KAi??lte
neben dem Freund tief unter die Decken kuschelt und ihm lauscht,
ist es wunderbar
auch den Klang einer Glocke zu hAi??ren,
der aus der Tiefe aufzuscheinen scheint.




















Kitagawa Utamaro (1753-1806)



Im Winter
liebe ich die ganz frA?hen Morgenstunden.
A?ber den Zauber von Schnee braucht man ja weiter nichts sagen;
doch ich mag auch den Reif
wegen seiner groAYen Reinheit
oder
einfach die EiseskAi??lte …


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Kitagawa Utamaro (1753-1806)
Sei ShA?nagon (966-1025)
(Aus: Ai??Das Kopfkissenbuch einer HofdameAi??. Aus dem japanischen von Mamoru Watanabe.)


” Vor tausend Jahren bekam die japanische Kaiserin Teishi von ihrem Bruder einen StoAY Papier geschenkt. Erlesen schAi??nes Papier. Auf so edlem Material pflegten die Herren des Kaiserhofes Gedichte und Chroniken zu verfassen oder abzuschreiben. Und zwar meist auf Chinesisch, weil diese Sprache – wie das Latein im europAi??ischen Mittelalter – damals die Sprache der Gebildeten in Japan war. Was wA?rden die Damen der Kaiserin mit solchem Papier anfangen? Dass sie es ebenfalls mit chinesischen Schriftzeichen fA?llen wA?rden, war nicht zu erwarten. Es wAi??re nicht ladylike gewesen. Frauen sollten in ihrer Muttersprache schreiben und dazu eine phonetische Silbenschrift benutzen.

Die junge Kaiserin beriet sich eine Zeit lang mit ihren Hofdamen. Zuletzt schenkte sie das Papier ihrer zehn Jahre Ai??lteren Hofdame Sei ShA?nagon. Ein Ai??KopfkissenbuchAi?? sollte daraus werden, in das eingetragen werden konnte, was die Damen des Hofes sonst nur ihrem Kissen anvertrauten: Stimmungen und EinfAi??lle jeder Art, Gesehenes, GehAi??rtes und Gedachtes. Die als besonders klug und schlagfertig geltende Sei ShA?nagon machte sich ans Werk. Sie lieAY niemand A?ber ihre Schulter blicken und versteckte das Manuskript in ihrem Zimmer. Dort wurde es eines Tages entdeckt, am Kaiserhof herumgereicht und von allen bewundert. Wer das Ai??KopfkissenbuchAi?? heute liest, begibt sich auf eine kulturgeschichtliche Zeitreise ins Japan der golden Heian-Periode.
Sei ShA?nagon war abenteuerlustig, findig, diskret, und sie schrieb ausfA?hrlich A?ber eigene und fremde LiebesaffAi??ren. Sind es also die Bettszenen dieses Ai??KopfkissenbuchesAi??, die A?ber die Jahrhunderte hinweg Leser anzogen, die sich – verfA?hrt vom Buchtitel – tausendjAi??hrige Erotika erhofften? Wohl kaum. Es muss sich herumgesprochen haben, dass Sei ShA?nagon solche Erwartungen enttAi??uscht.
Sei ShA?nagon soll nach dem frA?hen Tod ihrer Kaiserin ins UnglA?ck gefallen und als einsame Alte in einer schmutzigen HA?tte gestorben sein. Das behauptet eine populAi??re Legende, doch die stammt vermutlich von Leuten, denen das freizA?gige Leben der Hofdame ein Dorn im Auge war.
Wie dem auch sei, ihre Prosa-Improvisationen wirken auch nach tausend Jahren so frisch, als habe die Schreiberin eben erst ihren Pinsel hingelegt. In Japan begrA?ndete sie eine literarische Gattung. Generationen von Schriftstellern haben ihr Ai??KopfkissenbuchAi?? nachgeahmt und nie erreicht. Bis japanische Autoren da mithalten konnten, dauerte es zudem noch eine Weile. Die Herren am Kaiserhof schrieben noch zwei Jahrhunderte fast ausschlieAYlich Chinesisch. “

Gunhild KA?bler, Redakteurin der Ai??NZZ am SonntagAi??.