Archiv für den Tag: 9. Juli 2010

Literatur ist… ? Freigeistige Variationen über Ernstzunehmendes…

 

„Literatur ist nur eine Ware“

Die Übersetzerin Karin Fleischanderl stellt der Literaturszene einen tristen Befund aus: „Ich glaube, dass die europäische Literatur insgesamt darniederliegt im Augenblick.“

Standard: Vor einer Woche ging das Bachmann-Lesen 2010 zu Ende. Mit welchen Eindrücken kehren Sie aus Klagenfurt zurück

Fleischanderl: Es ist ein Bewerb, der die Texte auf Verwertbarkeit und Verkäuflichkeit abklopft. Die literarische Qualität kann, muss aber nicht prämiert werden. Zum Siegertext kann man stehen, aber ausschlaggebend war, dass Wawerzinek eine tolle Biografie hat, sympathisch und authentisch rüberkommt. Daher ist er hervorragend weiterzureichen im Literaturbetrieb. Über den Text könnte man gesondert reden. (…)

Standard: Was uns mit viel Aufwand als Literatur verkauft wird, ist in Wahrheit keine mehr – und niemandem fällt das auf?

Fleischanderl: Jeder wäre aufgerufen, zu sagen, das ist keine Literatur, sondern etwas Imitiertes, Nachgeschriebenes. Man macht es nicht, weil’s mühsam ist, weil man mit dieser Als-ob-Literatur Geld verdienen kann, sie marktgängig ist, leichter zu rezipieren.

Standard: In Italien, schreiben Sie, ließen die Medien die Literatur ersterben. Droht uns das auch?

Fleischanderl: Das einzige Genre, das in Italien noch gedeiht, ist der Krimi. Es ist das Genre, das am handwerklichsten ist – es gibt also einen gewissen Zusammenhang. Mit seiner Medienherrschaft ist Italien heute fast schon Avantgarde. Das Bedürfnis, sich literarisch auszudrücken, erstirbt in so einer Gesellschaft. Italien ist aber ein Sonderfall. Es ist vom ganz rückständigen, bis in die 50er-Jahre bäuerlichen Feudalstaat ganz schnell in die postdemokratische Medienherrschaft gekippt – das haben wir nicht. (…)

Der Standard, 5. Juli 2010

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“ Deine besondere Pein – die aller Dichter – besteht darin, dass du, aufgrund deiner Berufung, nur ein Publikum haben kannst, und statt dessen suchst du gleichgesinnte Seelen. „

Cesare Pavese, Freigeist.
(Aus: »Das Handwerk des Lebens«, Tagebuch 1935-50)

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“ L., der Schriftsteller, der die Literatur relativ auffasst. Im Gegensatz zu Schönberg, nach dessen Ansicht nur Wahrheit für die Kunst genügt, muss die Kunst L. zufolge dem Überleben dienen, denn, sagt er, wenn wir die nackte Wahrheit erblicken, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns aufzuhängen – oder vielleicht den, der uns die Wahrheit gesagt hat.

Keine ganz ungewöhnliche Haltung; es würde mich nicht wundern, wenn sich herausstellte, dass L. Familienvater ist und das, was er tut, nur für die Zukunft seiner Kinder tut.

Nur dass relative Literatur immer schlechte Literatur und nicht radikale Kunst immer mittelmäßige Kunst ist: Der wirkliche Künstler hat keine andere Chance, als die Wahrheit zu sagen und die Wahrheit radikal zu sagen.

Deswegen kann er trotzdem am leben bleiben, denn die Lüge ist nicht die einzige und ausschließliche Bedingung des Lebens, selbst wenn viele keine sonstigen Möglichkeiten sehen. „

Imre Kertesz, Freigeist.

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Der arme Poet (Carl Spitzweg, 1839)

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“ Ich glaube, keine ernstzunehmende Literatur kann versuchen, die Daseinsfragen zu beantworten. Eine ernste Literatur wirft sie auf. Die Probleme der Existenz sind nicht von einem einzigen Menschen zu lösen – sie finden ihre Lösung, wenn überhaupt, in der Menschheit. Die ernste Literatur ist nicht dazu da, das Leben zu erleichtern, sondern es zu erschweren. „

Witold Gombrowicz, Freigeist.

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“ Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, können wir zur Not selber
schreiben.

Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich. „

Franz Kafka, Freigeist.
(Brief an Oscar Pollak, 27. Januar 1904)

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Der Dichter H. C. Artmann

“ Die Schwierigkeiten, die die Schriftsteller mit der Germanistik, mit der Literaturhistorik haben, liegen auch wohl darin, dass die Literaturhistoriker Literatur immer wieder zu etwas Bedeutendem erklären. Sie schlagen damit dem Schriftsteller jene Hintertüre zu, durch die Literatur nur gehen kann. Literatur ist darauf angewiesen, Unbedeutendes tun zu dürfen.

Fünf Stunden über Literatur zu sprechen: Da werde ich wohl nicht darum herumkommen, auch den Anschein von der Bedeutung der Literatur zu erwecken. Ich entschuldige mich dafür zum voraus und schäme mich. Was ich ihnen anbieten kann, sind Behauptungen – und ich behaupte nicht etwa, weil ich etwas weiß. Meine Behauptungen haben ihren Ursprung in der Unsicherheit.

Ich bin ein Wenigschreiber, das ist nichts besonderes. Wenigschreiber gibt es viele, aber ich bin eben der Wenigschreiber, der nun hier steht und über das Vielschreiben sprechen soll. Ein bisschen peinlich ist mir das schon. Ich hätte nun vielleicht zu begründen, warum ich hier stehe. Das kann ich nicht. Gestatten sie mir, es einen Zufall zu nennen, vielleicht einen Irrtum. Ich weiß, ich hätte ihn verhindern können, ich habe das auch einige Zeit versucht. Immerhin, es muss Gründe geben,
dass ich ihn nicht verhindert habe. Gestatten sie mir, diesen Gründen nachzugehen.

Vielleicht hat es mit dem Umstand zu tun, dass unsere Gesellschaft zwar keine Literatur, aber eben Schriftsteller nötig hat. Schreiben müssen die Schriftsteller nicht, weil wir Geschriebenes notwendig haben; sie müssen nur schreiben, um Schriftsteller zu werden, weil man eben so etwas wie Schriftsteller zu brauchen glaubt.

Der Titel meiner Vorlesung (Geschichten über Literatur) ist ein Verlegenheitstitel. Ich habe ihn einmal genannt, bevor ich mich mit dieser Aufgabe zu beschäftigen begann. Ich dachte, wenn ich das, was ich hier sagen werde, Geschichten nenne, sei es harmloser und unverbindlicher und würde mir gestatten, mir selbst zu widersprechen und unexakt zu sein. Erst während der Arbeit ist mir eingefallen, dass der Titel auch direkter verstanden werden könnte: Nämlich so, dass man über all jene Geschichten sprechen kann, die sich in der Literatur mit der Literatur befassen. Allerdings käme dann schnell die Frage: welche Geschichte befasst sich nicht damit? (…)

Eine Geschichte ist auch immer eine Geschichte über eine Geschichte. Das Erzählen, nicht sein Inhalt, ist das Ziel der Literatur. Geschichtenerzählen befasst sich mit einer Selbstverständlichkeit: Dass es Zeit gibt und das wir unser Leben als Zeit erleben. Geschichtenerzählen ist umgehen mit der Zeit, und dass wir unser Leben als Zeit erleben, hat damit zu tun, dass unser Leben endlich ist und auch damit, dass das Leben unserer Freunde endlich ist. Natürlich ist die Angst vor dieser Endlichkeit überwindbar; Religion und Philosophie bieten die Werkzeuge dazu an.

Was bleibt ist die Traurigkeit über die Endlichkeit. Traurigkeit ist nicht überwindbar. Sie kann abgelehnt werden oder angenommen, und Geschichtenerzählen hat etwas damit zu tun, Trauer anzunehmen. Die selbstverständliche Traurigkeit der Menschen macht sie zu Geschichtenerzählern.

Ohne Zeitbegriff gäbe es keine Geschichten. Wer keine Neigung zur Traurigkeit hat, der ist für die Literatur verloren. Vielleicht taugt er noch einigermaßen zum Schreiber, zum Leser taugt er ganz sicher nicht. Die Welt der Literatur ist die Welt der Sentimentalen. Während ich Geschichten erzähle, beschäftige ich mich nicht mit der Wahrheit, sondern mit den Möglichkeiten der Wahrheit. Solange es noch Geschichten gibt, so lange gibt es noch Möglichkeiten. Deshalb basiert die Frage an den Geschichtenerzähler, ob seine Geschichte wahr sei, auf zwei Irrtümern.

Der erste Irrtum: Es gibt keine Geschichte, die nicht Wahrheit enthalten würde, und es gibt im Prinzip keine Erfindungen.
Der zweite Irrtum: Sprache kann nie wiedergeben was eigentlich ist, sie kann Realität nur beschreiben. (…)

Geschichten erzählen, um nicht reden zu müssen: Auch das kann ein Grund dafür sein, dass es Literatur gibt. Ich glaube, genau das vergessen wir oft allzuschnell, wenn wir unsere Forderungen an die Literatur stellen. Literatur ist nicht das Leben, nicht die Beschreibung des Lebens. Man kann leben ohne Literatur. Literatur ist etwas zusätzliches. In der Literatur übernimmt die Sprache eine andere Funktion als beim Sprechen. Literatur kann durch Sprachlosigkeit entstehen, durch Verweigerung des Sprechens.

Wäre ich nur Schriftsteller und nichts anderes als ein Schriftsteller, ich hätte mich weigern müssen, hier zu sprechen. Ich stehe mir damit selbst im weg. „

Peter Bichsel, Freigeist.
(Antrittsvorlesung für Poetik an der Universität Frankfurt, 1982)
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Literatur ABC : (Leseempfehlungen)

— Anna Achmatowa (1889- 1966) : »Gedichte müssen schamlos sein« : Vor den Fenstern Frost (Gedichte und Prosa). Aus dem Russischen von Barbara Honigmann und Fritz Mierau.

— Ilse Aichinger (*1921) : »Warte, wenn du erst entdecken wirst, wie falsch das Richtige ist« : Kleist, Moos, Fasane (Prosa).

— Bettine von Arnim (1785-1859) : »Es ist leider jetzt so, dass sich die Armen, anstatt der Reichen, der Armut schämen.« : Die Sehnsucht hat allemal Recht (Gedichte, Prosa, Briefe). Herausgegeben von Gerhard Wolf.

— Margaret Atwood (1959) : »Bin Ich eine Propagandistin? Nein. Ich bin eine Beobachterin der Gesellschaft. Und keiner, der die Gesellschaft beobachtet, darf den Fehler machen, feministische Beobachtungen zu schreiben.« : Payback. Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands (Essays). Aus dem Englischen von Bettina Arbabanell u.a.

— Isabel Allende (*1942) : »Doch noch bevor ich es einordnen konnte, wusste ich, dass ich weniger Rechte als meine Brüder hatte, und ich fand das nicht fair.« : Paula (Roman). Aus dem Spanischen von Liselotte Kolanoske.

— Ingeborg Bachmann (1926-1973) : »Sieben Jahre später, / in einem Totenhaus, / trinken die Henker von gestern / den goldenen Becher aus. / Die Augen täten dir sinken« (1952) : Das dreißigste Jahr (Erzählungen).

— Djuna Barnes (1892-1982) : »Was nützt es, wenn die Kinder den Hamlet rückwärts und die Zehn Gebote seitwärts aufsagen können?« : Ryder (Roman). Aus dem Englischen von Henriette Beese.

— Simone de Beauvoir (1908-1986) : »Auch Genossen sind Paschas.« : Memoiren einer Tochter aus gutem Hause (Erinnerungen). Aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens.

— Jane Bowles (1917-1973) : »Ich bin vor die Hunde gegangen – und das ist etwas, das ich mir seit Jahren gewünscht habe. Ich weiß, meine Schuld könnte nicht größer sein, aber ich habe mein Glück, und das verteidige ich wie eine Wölfin, und Autorität habe ich jetzt und etwas mehr Kühnheit; Eigenschaften, die ich vorher nie besessen habe.« : Eine richtig kleine Sünde. Prosa, ein Drama und eine Auswahl von Briefen (Aus dem Nachlass übersetzt von Adelheid Dormagen und Friederike Roth).

— Leonora Carrington (*1917) : »Ich versuche, die Bilder, die mich blind gemacht haben, loszuwerden.« : Das Haus der Angst (Gesammelte Prosa). Aus dem Französischen und Englischen von Heribert Becker und Edmund Jacoby.

— Eileen Chang (1921-1995) : »Herr Zheng sah aus wie ein typischer junger Geschäftsmann aus Shanghai, der einem Werbeplakat für Getränke oder Zigaretten entstiegen sein könnte: Zöge er eine kurze Hose an, so würde er wie ein kleiner Junge aus der Werbung für Babytabletten aussehen; malte man ihm zwei Schnauzbärte, würde er sich wieder in einen alten Mann verwandeln, der immer rechtzeitig sein Tonikum einnimmt; bekäme er einen weißen Bart, wäre er ein Weihnachtsmann.« : Gefahr und Begierde (Erzählungen). Aus dem Chinesischen von Susanne Hornfleck, Wang Jue und Wolf Baus.

— Paulina Chiziane (*1955) : »Der Himmel von Mananga ist ein mit Mythen geschmückter Mantel, jahrhundertealte Traditionen werden auf zweifelhafte Art wieder zum Leben erweckt, denn es ist nicht mehr möglich, die eigenen Traditionen und die Zeremonien für die ausländischen Götter auseinanderzuhalten.« : Wind der Apokalypse (Roman). Aus dem mosambikanischen Portugiesisch von Claudia Stein und Michael Kegler.

— Inger Christensen (1935-2009) : »Mit jedem Schritt, den wir tun, bewegt sich das Labyrinth mit uns zusammen in genau derselben Geschwindigkeit und Richtung wie wir. Ordnung ist das halbe Dichten.« : Der Geheimniszustand und Gedicht vom Tod (Essays). Aus dem Dänischen von Hanns Grössel.

— Agatha Christie (1890-1976) : »Manchmal habe ich gedacht: Warum – warum – warum nur habe ich diese abscheuliche, bombastische, entnervende kleine Kreatur geschaffen? Ich bin zwar finanziell von ihm abhängig. Andererseits verdankt er mir seine Existenz. In Augenblicken des Zorns male ich mir aus, wie ich ihn mit ein paar Federstrichen vollständig vernichten könnte. Großspurig antwortet er: Unmöglich, Poirot auf diese Weise loszuwerden! Dazu ist er viel zu klug!« : Meine gute alte Zeit (Autobiographie). Aus dem Englischen von Hans Erik Hausner.

— Christine (de Pizan) (1364-1429) : »Ach, teure Freundin, du weßt selbst, wie viele Frauen es gibt, die, vor Hunger und Armut, umgeben von einer großen Kinderschar, sterben, während sich ihre Männer in zweifelhaften Lokalen herumtreiben und mit nichtsnutzigen Frauenzimmern in der Stadt oder in Wirtshüusern umherziehen; kommen diese Männer nach Hause, dann werden ihre Frauen auch noch geschlagen, und das ist ihr einziges Abendessen: Sag an, erfinde ich das alles? Hast du nie eine deiner Nachbarinnen in ähnlichen Umständen leben sehen?« : Das Buch von der Stadt der Frauen. (Aus dem Mittelfranzösischen und kommentiert von Margarethe Zimmermann).

— Colette (1873-1954) : »Der Tod interessiert mich nicht, auch mein eigener nicht.« : Gigi (Roman). Aus dem Französischen von Stefanie Neumann.

— Hedwig Courths-Mahler (1867-1950) : »Ich habe nichts anderes getan als später der Film: Ich habe schwer arbeitenden Menschen jenes Leben gezeigt, nach dem immer ihre Sehnsucht ging, das sie jedoch nie kennenlernen würden. Ich habe Märchen fürgroße Kinder erdacht.« : Die Bettelprinzeß (Roman).