Archiv für den Tag: 8. Juli 2010

Das Alter ist… ? Freigeistige Variationen über Ernstzunehmendes…

 

Schneller, höher, weiter, älter – und sehr gut erhalten

In ihrem Alter sind viele froh, wenn sie noch ein Bein vor das andere setzen können. Aber Ilse, Alfred, Gabre, Herbert und Jiri reicht das nicht. Sie sind Kämpfer. Wettkämpfer mit einem gemeinsamen Ziel, auf das sie sich getrennt vorbereiten: die Seniorenweltmeisterschaften der Leichtathleten im finnischen Lahti. Regisseur Jan Tenhaven hat sie vom Trainingsschweiß bis zur Siegerehrung begleitet.

Alfred ist 99 Jahre alt. Seine Disziplin ist der Diskuswurf. Sein Körper, sagt der Österreicher, sei nicht mehr so ansehnlich, aber er funktioniere noch ganz gut. Das betont Alfred sehr gern. Auch wenn es um Frauen geht. Sein Verhältnis zu ihnen sei „immer sexuell bestimmt“ gewesen, seine bislang letzte Freundin war 15 Jahre jünger als er, aber „sehr gut erhalten“. Alfred protzt gern ein bisschen und widmet sich der Aktmalerei, um sich vom harten Trainingsalltag abzulenken.

Gabre ist Italienerin und Diskuswerferin. Wie alt sie ist, geht niemand etwas an, findet sie. „Eine alte Frau? Ich? Pah!“, wehrt sie ab und ärgert sich darüber, dass eine Konkurrentin es dann doch verrät: Sie ist 94.

„Herbstgold“ heißt Tenhavens ungewöhnliche „Sport“-Dokumentation, die auch noch den tschechischen Hochspringer Jiri, den schwedischen Sprinter Herbert und die Kieler Kugelstoßerin Ilse vorstellt. Ein Kleinod von einem Film, in dem es um weit mehr geht, als um vergangene Erfolge der Protagonisten und ihren Kampf gegen den körperlichen Verfall; ein zutiefst menschliches Porträt von alten Menschen, bei dem Zentimeter und Sekunden zur Nebensache werden – auch wenn die Athleten das abstreiten würden.

Die Disziplin, in der sie antreten, heißt „würdevolles Überleben“. Das gelingt ihnen sicher besser, als wenn sie sich keine sportlichen Ziele mehr gesetzt hätten. Tenhaven zeigt viele Momente, die zum Bewundern, Kopfschütteln und Schmunzeln anregen.

Hamburger Abendblatt, 6. Juli 2010 

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“ Denn Altwerden möchte jeder, alt sein aber niemand, obwohl Altern noch immer der einzige Weg zum langen Leben ist. Allerdings ist Altern keine spezielle Eigenschaft von bloß alten Leuten. Menschen beginnen zu altern, sobald sie auf die Welt kommen, und das gleiche gilt für das Wissen, die Mode, das Computerprogramm oder den Geschmack.

Doch was wird alles unternommen, um jünger zu erscheinen? Kosmetische Chirurgie, gesunde Ernährung, Fitnesstraining, Kunsttherapie! Sie sind die Jungbrunnen unserer Zeit, welche den körperlichen Zerfall – wenn schon nicht aufhalten – so doch hinter Kulissen verbergen.

Aber die Vergänglichkeit bleibt unbesiegbar: »Blühen ist ein tödliches Geschäft«, wie Helmut Heissenbüttel betont, weil das Welken auf dem Fuße folgt, das sich nur teilweise hinter kosmetischen Masken verbergen lässt.

Dass man im Alter lernt, sich selbst besser zu ertragen, trifft nicht generell zu, manchmal ist auch das blanke Gegenteil der Fall; dennoch hat Seneca recht, wenn er meint: Mit sich selbst versöhnt alt werden könne nur, wer gelernt habe, sich mit sich anzufreunden; bloß der könne die Brüche und Wandlungen, Versuche und Irrtümer seines Daseins, die ihm im Laufe seines Lebens zugemuteten Zwangslagen aushalten.

Ohne hier auf das Problem der Überalterung unserer Gesellschaft, auf Altenheime, Pflegestationen und Sterbekliniken näher einzugehen, darf man mit Martin Buber sagen: »Älterwerden ist eine herrliche Sache, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt.« Jedoch muss man hinzufügen: Älterwerden ist eine herrliche Sache, wenn man auch gelernt hat, was aufhören heißt.

Heute werden die Menschen immer älter, ihr Lebensstil verjüngt sich aber oft. Wie die Jüngeren legen auch viele Ältere großen Wert auf ihr äußeres und unternehmen noch viele Reisen. Statt ihre Himmelfahrt vorzubereiten – die Fahrt mit dem Leichenwagen auf den Friedhof – bereiten sie ihre nächste Dampferfahrt in ferne Länder und Kontinente vor. 

Recht haben sie!
Nur geschieht das selbst bei älteren Menschen immer häufiger in atemloser Hast und Eile. Offenbar gehört es zum guten Ton, stets etwas zu tun zu haben, als ob man sich dafür schäme, über freie Zeit zu verfügen. Nichts scheinen ältere Menschen lieber zu haben als keine Zeit. Dabei wäre den meisten mehr Mut zur Musse zu wünschen, die nicht den Zwängen der Not, den Geboten der Pflicht und der Gier nach Gewinn zu gehorchen braucht,
sondern sich dem Spiel freier Nachdenklichkeit hingeben darf. Solche Musse gehört immer noch zu den wirksamen Mitteln gegen oberflächliche Betriebsamkeit, wie man sie heute vielerorts antrifft.

Der Dichter George Bernhard Shaw schrieb einmal: »Alte Männer sind gefährlich, ihnen ist die Zukunft völlig egal.« Selbst wenn dies stimmen sollte, hätte er das auch ein wenig netter formulieren können, etwa so: Wer alt ist, kann vieles gelassener sehen; nichts braucht sie oder ihn mehr aufzuregen; im Gegenteil, empfiehlt es sich gerade jetzt, hin und wieder die Hände in die Hosentaschen zu stecken, den so genannten Lebensabend zu genießen, sofern und solange man es kann. In diesem Sinne wäre auch vielen Jüngeren zu raten, sich zumindest ab und zu mal uralt vorzukommen. „

Franz Josef Wetz, Freigeist. (Aus: »DIE KUNST DER RESIGNATION«, 2000)

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“ In jüngeren Jahren war ich des Morgens froh,
des Abends weinte ich; jetzt, da ich älter bin,
beginn ich zweifelnd meinen Tag, doch
heilig und heiter ist mir sein Ende. „

Friedrich Hölderlin, Freigeist.