Schneller, höher, weiter, älter – und sehr gut erhalten
Alfred ist 99 Jahre alt. Seine Disziplin ist der Diskuswurf. Sein Körper, sagt der Österreicher, sei nicht mehr so ansehnlich, aber er funktioniere noch ganz gut. Das betont Alfred sehr gern. Auch wenn es um Frauen geht. Sein Verhältnis zu ihnen sei “immer sexuell bestimmt” gewesen, seine bislang letzte Freundin war 15 Jahre jünger als er, aber “sehr gut erhalten”. Alfred protzt gern ein bisschen und widmet sich der Aktmalerei, um sich vom harten Trainingsalltag abzulenken.
“Herbstgold” heißt Tenhavens ungewöhnliche “Sport”-Dokumentation, die auch noch den tschechischen Hochspringer Jiri, den schwedischen Sprinter Herbert und die Kieler Kugelstoßerin Ilse vorstellt. Ein Kleinod von einem Film, in dem es um weit mehr geht, als um vergangene Erfolge der Protagonisten und ihren Kampf gegen den körperlichen Verfall; ein zutiefst menschliches Porträt von alten Menschen, bei dem Zentimeter und Sekunden zur Nebensache werden – auch wenn die Athleten das abstreiten würden.
Hamburger Abendblatt, 6. Juli 2010
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Doch was wird alles unternommen, um jünger zu erscheinen? Kosmetische Chirurgie, gesunde Ernährung, Fitnesstraining, Kunsttherapie! Sie sind die Jungbrunnen unserer Zeit, welche den körperlichen Zerfall – wenn schon nicht aufhalten - so doch hinter Kulissen verbergen.
Dass man im Alter lernt, sich selbst besser zu ertragen, trifft nicht generell zu, manchmal ist auch das blanke Gegenteil der Fall; dennoch hat Seneca recht, wenn er meint: Mit sich selbst versöhnt alt werden könne nur, wer gelernt habe, sich mit sich anzufreunden; bloß der könne die Brüche und Wandlungen, Versuche und Irrtümer seines Daseins, die ihm im Laufe seines Lebens zugemuteten Zwangslagen aushalten.
Heute werden die Menschen immer älter, ihr Lebensstil verjüngt sich aber oft. Wie die Jüngeren legen auch viele Ältere großen Wert auf ihr äußeres und unternehmen noch viele Reisen. Statt ihre Himmelfahrt vorzubereiten - die Fahrt mit dem Leichenwagen auf den Friedhof – bereiten sie ihre nächste Dampferfahrt in ferne Länder und Kontinente vor.
Der Dichter George Bernhard Shaw schrieb einmal: »Alte Männer sind gefährlich, ihnen ist die Zukunft völlig egal.« Selbst wenn dies stimmen sollte, hätte er das auch ein wenig netter formulieren können, etwa so: Wer alt ist, kann vieles gelassener sehen; nichts braucht sie oder ihn mehr aufzuregen; im Gegenteil, empfiehlt es sich gerade jetzt, hin und wieder die Hände in die Hosentaschen zu stecken, den so genannten Lebensabend zu genießen, sofern und solange man es kann. In diesem Sinne wäre auch vielen Jüngeren zu raten, sich zumindest ab und zu mal uralt vorzukommen. “
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” In jüngeren Jahren war ich des Morgens froh,
des Abends weinte ich; jetzt, da ich älter bin,
beginn ich zweifelnd meinen Tag, doch
heilig und heiter ist mir sein Ende. “
Friedrich Hölderlin, Freigeist.