Zwielichtig
ff – Das Südtiroler Wochenmagazin, Ausgabe 26 vom 1. Juli 2010
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Viele Millionen Euro haben deutsche Steuerflüchtlinge mit Hilfe des Liechtensteiner Treuhänders Herbert Batliner vor dem Fiskus versteckt. Nun steht das Strafverfahren nach Informationen von manager magazin vor der Einstellung: Batliner hat kooperiert – und zahlt.
Hamburg – Das seit mehr als sieben Jahren laufende Strafverfahren gegen den bekannten Liechtensteiner Treuhänder Herbert Batliner steht kurz vor dem Abschluss. Das berichtet das manager magazin in seiner aktuellen Sonderausgabe “Die 300 reichsten Deutschen”, die jetzt am Kiosk erhältlich ist.
Heute sind alle Fälle bis auf drei abgearbeitet. Eine halbe Milliarde Euro ist an die Finanzämter zurückgeflossen. Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen sagte gegenüber manager magazin: “Dr. Batliner hat bei der Aufklärung der Fälle unverzüglich und vollständig kooperiert. Außerdem sind die hinterzogenen Gelder vollständig in den Wirtschaftskreislauf zurückgeflossen.”
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Ein Schutzengel für Steuerflüchtige
(…) Zu den Klienten des Doktors der Jurisprudenz und der Ökonomie, der auch “Kammerherr” des Papstes ist, zählten der inzwischen verstorbene Milliardär Friedrich Karl Flick, der Springreiter Paul Schockemöhle, viele Kaufleute und auch betuchte Mitglieder des Hochadels. (…)
Batliner, der sich als geübter Mäzen auch “Kammerherr seiner Heiligkeit” nennen darf, hatte über seine Stiftung rund 773.000 Euro für eine neue Orgel in der Alten Kapelle von Regensburg spendiert und wollte bei der Orgelweihe dabei sein. Die Bochumer Ermittler waren einverstanden. Sie haben noch nie jemanden festgenommen, der sich auf den Weg zum Heiligen Vater macht.
Die Süddeutsche, 14. Februar 2008
Mafiöse Verhältnisse
Neue Rheinische Zeitung, 5.Juli 2010
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Die menschliche Natur ist böse, und was am Menschen gut ist, ist das Ergebnis seiner Anstrengungen.
Von klein auf hat der Mensch die Ohr- und Augenlust, die ihn interessiert macht an Wohlklang und Farbenpracht (Frauenschönheit). Lässt der Mensch diesen Gelüsten freien Lauf, dann kommt es zur Ausschweifung und sozialer Unordnung, und vorbei ist es mit den überlieferten Verhaltensweisen, mit Schicklichkeit, feinen Formen und dem ganzen Ordnungsgefüge. Kurz: Lässt der Mensch seiner Natur die Zügel schießen, lässt er seinen natürlichen Trieben freien Lauf, dann kommt es unvermeidlich zu Streit und Raub und damit zur Verletzung der Standesgrenzen und Verwirrung des ganzen Ordnungsgefüges und schließlich zu offener Gewalttätigkeit.
Aus diesen Gründen muss es unbedingt den veredelnden Einfluss der Lehrer und Gesetze geben, sowie jene Anleitung zu gutem Verhalten, welche die Kulturtradition und die Regeln der Recht- oder Schicklichkeit uns bieten. Nur so kommt es zu der guten Sitte des dankenden Ablehnens und des höflichen Den-Vortritt-Lassens und damit zu den feinen Formen und dem ganzen Ordnungsgefüge, was alles endlich in einer wahrhaft sozialen Ordnung seine Krönung findet.
Von diesen Tatsachen aus gesehen ist es klar, dass die menschliche Natur von Haus aus böse ist, und was an ihr Gutes sich findet, ist das Ergebnis menschlichen Bemühens.
Mong Dsi (ca. 372-289 v.Chr.) : Die menschliche Natur ist gut
Mong Dsi sprach:
Die natürlichen Triebe tragen den Keim zum Guten in sich; das ist damit gemeint, wenn die Natur gut genannt wird.
Wenn einer Böses tut, so liegt der Fehler nicht in seiner Veranlagung. Das Gefühl des Mitleids ist allen Menschen eigen, das Gefühl der Scham und Abneigung ist allen Menschen eigen, das Gefühl der Achtung und Ehrerbietung ist allen Menschen eigen, das Gefühl der Billigung und Missbilligung ist allen Menschen eigen.
Das Gefühl des Mitleids führt zur Liebe, das Gefühl der Scham und Abneigung zur Pflicht, das Gefühl der Achtung und Ehrerbietung zur Schicklichkeit, das Gefühl der Billigung und Missbilligung zur Weisheit. Liebe; Pflicht, Schicklichkeit und Weisheit sind nicht von außen her uns eingetrichtert, sie sind unser ursprüngliche Besitz, die Menschen denken nur nicht daran.
Darum heisst es: »Wer sucht, bekommt sie, wer sie liegen lässt, verliert sie.« Dass so große Unterschiede vorhanden sind, dass manche doppelt, fünffach, ja unendlich mehr besitzen als andere, kommt nur davon her, dass diese ihre Anlagen nicht erschöpfend zur Darstellung bringen.
Wo immer eine Fähigkeit im Menschen ist, hat sie ihr festes Gesetz. Und weil den Menschen allen dieses Gesetz ins Herz geschrieben ist, darum lieben sie jene hehre Tugend.
Gut und Böse wird auf drei Stufen unterschieden.
Erstens: Als böse gilt die unmittelbare und uneingeschränkte Hingabe an Neigungen und sinnliche Antriebe, an die Lust und das Glück dieser Welt, an das Dasein als solches, kurz: Böse ist das Leben des Menschen, das im Bedingten bleibt, daher nur abläuft wie das Leben der Tiere, wohlgeraten oder missraten, in der Unruhe des Anderswerdens, und das nicht entschieden wird.
Dagegen gut ist das Leben, das zwar nicht jenes Glück des Daseins verwirft, aber es unter die Bedingung des moralisch Gültigen stellt. Dieses moralisch Gültige wird verstanden als allgemeines Gesetz des moralisch richtigen Handelns. Diese Geltung ist das Unbedingte.
Zweitens: Gegenüber der bloßen Schwäche, die den Neigungen nachgibt, gilt als eigentlich böse erst die Verkehrung, wie Kant sie verstand, dass ich das Gute nur tue, wenn es mir keinen Schaden bringt oder doch nicht zuviel kostet, abstrakt gesagt: dass das Unbedingte der moralischen Forderung zwar gewollt, im Gehorsam gegen das Gesetz jedoch nur soweit befolgt wird, als es unter den Bedingungen einer ungestörten Befriedigung der sinnlichen Glücksbedürfnisse möglich ist; nur unter dieser Bedingung, nicht unbedingt will ich gut sein. Diese Scheingüte ist sozusagen ein Luxus glücklicher Verhältnisse, in denen ich mir das Gutsein leisten kann. Im Falle des Konflikts zwischen moralischer Forderung und meinem Daseinsinteresse bin ich je nach Größe dieses Interesses uneingestandenerweise vielleicht zu jeder Schandtat bereit. Um nicht selbst zu sterben, begehe ich auf Befehl Morde. Durch die Gunst meiner Lage, die mir den Konflikt erspart, lasse ich mich über mein Bösesein täuschen.
Dagegen ist gut das Sichherausholen aus dieser Verkehrung des Bedingungsverhältnisses, die in der Unterwerfung des Unbedingten unter die Bedingungen des Daseinsglücks besteht und damit die Rückkehr zur eigentlichen Unbedingtheit ist. Es ist die Verwandlung aus ständigem Selbstbetrug in der Unreinheit der Motive zu dem Ernst des Unbedingten.
Drittens: Als böse gilt erst der Wille zum Bösen, das heißt der Wille zur Zerstörung als solcher, der Antrieb zum Quälen, zur Grausamkeit, zur Vernichtung, der nihilistische Wille zum Verderben von allem, was ist und was Wert hat.
Gut ist dagegen das Unbedingte, das die Liebe und damit der Wille zur Wirklichkeit ist.
Vergleichen wir die drei Stufen:
Auf der zweiten Stufe ist das Verhältnis das ethische: die Wahrhaftigkeit der Motive.
Auf der dritten Stufe ist das Verhältnis das metaphysische: das Wesen der Motive. Es steht die Liebe gegen den Hass. Liebe drängt zum Sein, Hass zum Nichtsein. Liebe wirkt als stilles Bauen in der Welt, Hass als laute, das Sein im Dasein auslöschende und das Dasein selbst auslöschende Katastrophe.
Jedesmal zeigt sich eine Alternative und damit die Forderung der Entscheidung. Der Mensch kann nur das eine oder das andere wollen, wenn er wesentlich wird. Er folgt der Neigung oder der Pflicht, er steht in der Verkehrung oder in der Reinheit seiner Motive, er lebt aus dem Hass oder aus der Liebe. Aber die Entscheidung kann er aussetzen. Statt zu entscheiden, schwanken und taumeln wir durch das Leben, verbinden das eine mit dem andern und erkennen dies gar an als notwendigen Widerspruch. Schon diese Unentschiedenheit ist böse. Es erwacht der Mensch erst, wenn er Gut und Böse unterscheidet. Er wird er selbst, wenn er in seinem Tun entschieden ist, wohin er will. Wir alle müssen ständig von neuem uns wiedergewinnen aus der Unentschiedenheit.
Karl Jaspers, Freigeist.