Freigeist-Exkurs: Über die psychischen Kosten des Kapitalismus, die innere Verelendung und gefährlich arme Teufel…


Diagnose: Ausgebrannt
Volkskrankheit Burnout: Immer mehr Menschen kommen mit dem hohen Leistungsdruck, den hohen Ansprüchen ihres Chefs und der Konkurrenzsituation am Arbeitsplatz nicht mehr klar – und werden krank. Persönliche Unzulänglichkeiten? Nein, sagen Psychologen: Burnout ist die Folge eines Systems, das nur Leistung und Erfolg kennt. (…)

ff - Das Südtiroler Wochenmagazin, Ausgabe 25 vom 14. Juni 2010

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Grabrede für Ulrike Meinhof

(…) Was Ulrike Meinhof umgebracht hat, waren die deutschen Verhältnisse. Der Extremismus derjenigen, die alles für extremistisch erklären, was eine Veränderung der Verhältnisse auch nur zur Diskussion stellt.

Ulrike Meinhof, geboren in der Mitte der dreißiger Jahre, war alt genug, um die sinnlichen Erscheinungsformen des Nazismus noch wahrzunehmen. In den fünfziger Jahren wuchs sie bei Renate Riemek auf, einer Antifaschistin, die für die Friedensbewegung arbeitete, eine Organisation, die die Wiederbewaffnung zu verhindern suchte. Auch die Sozialdemokraten waren damals gegen die Wiederbewaffnung – heute, angesichts eines sozialdemokratischen Verteidigungsministers, mögen sie ebenso ungern daran erinnert werden wie an ihre ersten Nachkriegsprogramme. Als die Bundeswehr durchgesetzt worden war, wurde die Kampagne gegen die Wiederbewaffnung abgelöst von der »Kampagne gegen den Atomtod«, an der in der ersten Zeit die Sozialdemokratie ebenfalls beteiligt war. Erst in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre fand praktisch der Bruch innerhalb der Linken statt: Die Sozialdemokratie schied aus der Kampagne aus und nahm Kurs auf NATO und Godesberger Programm.

Dies waren die ersten politischen Erfahrungen Ulrike Meinhofs. Im folgenden Jahrzehnt – von der Mitte der fünfziger bis zur Mitte der sechziger Jahre – wurde Ulrike Meinhof innerhalb weniger Jahre zur bedeutendsten linken Journalistin der Bundesrepublik. Sie war es, die am klarsten die Enttäuschungen über die reaktionäre Entwicklung der Sozialdemokratie formulierte. Sie kämpfte gegen den Krieg in Algerien, gegen die Notstandsgesetzte und gegen die große Koalition. Sie agitierte für die Beendigung des Krieges in Vietnam und für eine andere Ostpolitik. Sie widmete sich schließlich zwei Grundfragen des Marxismus: der Klassenanalyse und der Frage revolutionärer Gewalt.

Wer gehört zur ausgebeuteten und unterdrückten Klasse? Und, damit verbunden, wie ist die Befreiung dieser Klasse durchzusetzen? Es waren Überlegungen, die von den Betroffenen ausgingen, vom tatsächlichen Elend, nicht von der theoretischen Entfremdung. Und da waren es Randgruppen, die in den Blick gerieten: Die Eingesperrten, die Fürsorgezöglinge, die Weggelaufenen und Durchgedrehten. Ulrike Meinhof nahm damit sehr früh etwas wahr, was wir heute erst zu begreifen beginnen: die psychischen Kosten des Kapitalismus, die innere Verelendung.

Ulrike Meinhof berichtete viele Jahre über Gefängnisse und Fürsorgeheime, sie arbeitete in Stadtteilen und sie war Beobachterin in Prozessen. 1970 ging sie in den Untergrund und propagierte den bewaffneten Kampf für die Veränderung der Verhältnisse.

Auch diese Entscheidung hat mit unseren deutschen Verhältnissen zu tun: Die Polizei hatte zu jener Zeit – 1970 – die ersten Demonstranten
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erschossen, der Kampf gegen die Notstandsgesetze war vergeblich gewesen, der Bombenterror in Vietnam war auf dem Höhepunkt, die politische Kritik in den Medien wurde immer stärker zensiert.

Die rasende Wut der Staatsgewalt gegen die Rote Armee Fraktion haben wir alle erlebt. Die »Baader-Meinhof-Bande« wurde zum »Staatsfeind Nr. 1« erklärt, ganze Stadtviertel abgeriegelt, Tausende von Personen Tag und Nacht vom »Staatsschutz« überwacht, Hunderte von Wohnungen durchsucht – am Ende machte sich die Polizei nicht einmal die Mühe zu klingeln und einen Durchsuchungsbefehl vorzuweisen: Sie trat einfach die Tür ein und nahm sämtliche Bewohner und Papiere mit. Und schließlich: Die Polizei tötete während der zweijährigen Fahndung mehr Menschen als die fünf, die bei den Attentaten der Roten Armee Fraktion getötet wurden.

Wir haben erlebt, wie die politische Zielrichtung der Attentate geleugnet und weiter nach den Kriminellen gefahndet wurde, obwohl bereits der Umfang der Fahndungen diese Behauptung widerlegte. Wir haben erlebt, wie die politischen Manifeste der Gruppe unterdrückt wurden. Wir haben schließlich erlebt, wie der Prozess gegen Ulrike Meinhof geführt wurde.

Ulrike Meinhof war eine der klarsten Kritikerinnen des Kapitalismus in der Bundesrepublik. Diejenigen, die ihrer Taten als Anarchistin kritisieren, sind fast stets diejenigen, die sie in den Jahren zuvor als Kritikerin bekämpften und lächerlich machten.

Das wollen wir nicht vergessen. Es sind unsere Verhältnisse, die wir nicht vergessen wollen. Ulrike Meinhof starb am 8. Mai. An diesem Tag wurde vor 31 Jahren der Krieg beendet. An diesem Tag eröffneten die Christdemokraten den diesjährigen Bundestagswahlkampf mit der Parole »Freiheit oder Sozialismus«!

Wir sagen, mit Rosa Luxemburg und Ulrike Meinhof: »Freiheit und Sozialismus!«

Und diejenigen unter uns, denen vielleicht die Entschiedenheit und Strenge Ulrike Meinhofs zu fremd ist, erinnern wir an die Zeilen von Brecht:

Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Klaus Wagenbach, Verleger, Freigeist. (Berliner Blätter 1976)

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” Am 25. August wurde ich im Schwurgerichtssaal des Justizpalastes München als Zeuge im Strafverfahren gegen den ehemaligen SS-Gruppenführer Karl Wolff vernommen. Ich sollte über die Verhältnisse im Warschauer Getto aussagen. War es möglich, mehrfach durch die Straßen des »Jüdischen Wohnbezirks« zu fahren, ohne zu merken, was sich dort täglich abspielte?

Berichte über meine Zeugenaussage waren in verschiedenen Zeitungen zu lesen. Das hatte zur Folge, dass ich von einer Mitarbeiterin des Norddeutschen Rundfunks um ein Interview über das Getto gebeten wurde. Wir trafen uns in Hamburg im Café »Funkeck« schräg gegenüber dem Rundfunkgebäude. Die Journalistin, vermutlich noch keine 30 Jahre alt, war keineswegs besonders schön, aber nicht ohne Reiz. Vielleicht rührte dieser Reiz von ihrem offenkundigen Ernst, der mit ihrer Jugendlichkeit zu kontrastieren schien. Sie wollte ein Dreißig-Minuten-Gespräch aufnehmen. Ihre Fragen waren exakt und intelligent, sie kreisten um ein zentrales Problem: Wie konnte das geschehen? Kein einziges Mal haben wir die Aufnahme unterbrochen. Als das Gespräch beendet war, sah ich zu meiner Verblüffung, dass wir beinahe fünfzig Minuten geredet hatten. Wozu brauchte Sie soviel?

Sie antwortete etwas verlegen: Sie habe zum Teil aus privatem Interesse gefragt. Ich möge ihr den Wissensdurst nicht verübeln. Ich wollte etwas über sie erfahren. Aber sie hatte es jetzt sehr eilig. Ich schaute sie an und sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. Ich fragte noch rasch: »Entschuldigen Sie, habe ich ihren Namen richtig verstanden – Meienberg?« – »Nein, Meinhof, Ulrike Meinhof.«

Als ich 1968 hörte, dass die inzwischen bekannte Journalistin Ulrike Meinhof in die Illegalität gegangen war und zusammen mit Andreas Baader eine terroristische Gruppe gegründet hatte, als sie polizeilich gesucht und schließlich gefasst worden war und als sie 1976 im Gefängnis Selbstmord verübt hatte – da musste ich immer wieder an das Gespräch im »Funkeck« denken. Warum hat sich Ulrike Meinhof, deren Zukunft ich nicht ahnen konnte, so tief in meinem Gedächtnis eingeprägt?

Könnte dies damit zu tun haben, dass sie die erste Person in der Bundesrepublik war, die aufrichtig und ernsthaft wünschte, über meine Erlebnisse im Warschauer Getto informiert zu werden? Und wäre es denkbar, dass es zwischen ihrem brennenden Interesse für die deutsche Vergangenheit und dem Weg, der sie zum Terror und zum Verbrechen geführt hat, einen Zusammenhang gibt?

Mitte der sechziger Jahre änderte sich das politische Klima in der Bundesrepublik zusehends: Durch die »Große Koalition« von 1966 war eine ganz neue Situation gegeben. Die sozialistischen und marxistischen Kräfte und im weiteren Sinn die junge Generation sahen sich durch die Opposition im Bundestag nicht vertreten, sie waren enttäuscht und fühlten sich im Stich gelassen. “

Marcel Reich-Ranicki, Literaturkritiker, Freigeist. (Aus: »Mein Leben«, 1999)

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” Man betritt den Weg zum Terrorismus unter dem Einfluss gewisser politischer Illusionen oder umgekehrt nach erbitternden Illusionsverlusten, aus denen man nichts lernen will. Aber dass man auf diesem Weg verharrt, obschon alles darauf hinweist, dass er ins Nichts führt, erklärt sich aus dem unhemmbaren Bedürfnis nach einer Position, in der sich der Terrorist allen, die nicht seinesgleichen sind, persönlich, politisch, moralisch überlegen fühlt. Dieses Überlegenheitsgefühl bestärkt ihn in seiner trotzigen Rechthaberei; er hält allen Argumenten stand, auch wenn es sich erweist, dass seine ideologischen, politischen, taktischen und sonstigen Begründungen täglich durch Tatsachen so entkräftet werden, dass er sie nicht einmal umdeuten kann. Er und seinesgleichen können ihre Behauptung nicht aufrechterhalten, dass ihre Taten das Proletariat in Bewegung setzen oder zumindest seinen revolutionären Eifer erwecken.

Man entscheidet sich für die Revolte oder für die Revolution aus mannigfachen Gründen, unter dem Einfluss verschiedenartiger persönlicher und sozialer Erlebnisse und unter dem Eindruck großer Geschehnisse. In jedem Falle einer solchen Entscheidung wirkt sichtbar oder unbewusst eine persönliche Motivation, denn immer ist der Charakter des Einzelnen im Spiel. Daher gilt es, um so schärfer zu unterscheiden zwischen jenen, die in der Politik eine Möglichkeit suchen, an gemeinschaftlichen Bemühungen teilzunehmen, und jenen anderen, die in der Politik das dramatische Abenteuer und im individuellen sowie im Bandenterror Vehikel und Instrument ihrer persönlichen Revolte und gleichzeitig Zuflucht vor ihrer Enttäuschung über sich selbst finden wollen.

Jene, die ihre neurotische Rebellion als revolutionäre Haltung maskieren, verwandeln die große Sache, für deren Sieg sie kämpfen wollen, in eine Angelegenheit persönlicher Ranküne, sozusagen in eine unglückliche Liebesgeschichte, in der die Vergewaltigung über die Unfähigkeit zu lieben hinwegtäuschen soll.

Der Grundsatz, dass der Zweck die Mittel heilige, ist nicht nur ein verwerflicher Generalpardon für alle Missetaten, sondern überdies eine elendige, irreführende Anleitung zu zielstrebigem Handeln. Was wir seit dem Ersten Weltkrieg erlebt haben, ist nicht nur die jenem Grundsatz gemäße politische Praxis, die vor keinem Mittel zurückscheut und die übelsten Verbrechen durch die Erhabenheit der zu erreichenden Ziele rechtfertigt.

Es geschieht etwas viel Sinnwidrigeres und im Ergebnis noch gefährlicheres: Man verselbstständigt eben jene Mittel, die sodann Grund, Sinn und Rechtfertigung ihrer Selbst, das heißt: allen Tuns werden. Das Mittel ersetzt den Zweck, der Terror wird Selbstzweck. Diese Terroristen laufen im Teufelskreis herum. Ihr Tun ist zweckentfremdet; ihre Gewalttaten isolieren sie von der Welt, die sie erwecken oder erobern wollten. Sie sind Narren ihrer selbst, gefährlich arme Teufel. “

Manès Sperber, Autor, Freigeist. (Aus: »Die Nachfahren Herostratos – Zur Psychologie des Terroristen«, 1975)

1 Kommentar zu „Freigeist-Exkurs: Über die psychischen Kosten des Kapitalismus, die innere Verelendung und gefährlich arme Teufel…“

  1. Stratmann sagt:

    Was U. Meinhof umgebracht hat waren die deutschen Verhältnisse?
    Warum hat sie dann nicht die Freiheit genutzt und ist in ein Land mit anderen Verhältnissen gegangen? Z.B. in die Entwicklungshilfe? Dorthin, wo Menschen wirklich an den Verhältnissen sterben und nicht weg können?
    Meinhof hat den harten, mörderischen, deutschen Weg genommen. Sie ist nicht an den deutschen Verhältnissen umgekommen sondern an der Unfreiheit nur diesen mörderischen Weg im Leben zu sehen.

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