Archiv für den Tag: 1. Juli 2010

Freigeist-Exkurs: Über Käfer und Bienen & Wiehern und Beten…

 

Diagnose: Ausgebrannt
Volkskrankheit Burnout: Immer mehr Menschen kommen mit dem hohen Leistungsdruck, den hohen Ansprüchen ihres Chefs und der Konkurrenzsituation am Arbeitsplatz nicht mehr klar – und werden krank. Persönliche Unzulänglichkeiten? Nein, sagen Psychologen: Burnout ist die Folge eines Systems, das nur Leistung und Erfolg kennt. (…)

ff – Das Südtiroler Wochenmagazin, Ausgabe 25 vom 14. Juni 2010

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(aus einem unvollendeten und unvollendbaren Brief)

Es ist herrlich, lieber Emilio, die Tage vergehen mir, ohne dass ich irgend etwas täte. Ohne dass ich irgend etwas täte? Ich gestehe Dir, dass ich zwar nicht weiß, was »tun« ist, doch noch viel weniger weiß ich, was »irgend etwas« ist. Wer weiß!… Vielleicht hast du recht, wenn Du meinst, man meditiere nie mehr besser, als wenn man schlafe wie ein Sack.

Hier gibt es am Ufer des Flusses eine Wiese und neben ihrem frischen Grün einen Pappelhain, durch den keine Sonne dringt. Dorthin pflege ich jeden Morgen zu gehen, ein Buch unterm Arm, in dem ich niemals lese.

Meine Seele labt sich am ständigen Rauschen des Flusses, das sich über das Gehör in sie senkt und sich dort drinnen, in der Seele, mit dem Grün vermischt, das durch die Augen ebenfalls in sie eindringt. Und so singt mir das Grün so recht zu Herzen.

Zuallererst das Bad. Ich werfe mich fast nackt auf die Wiese, wälze mich auf ihr, und da mir das Gras nicht mundet, verstreue ich Erdbeeren darauf, um sie eine nach der anderen mit dem Mund aufzulesen, ohne die Hand zu gebrauchen. Und mir scheint, dass aus dem tiefsten Grunde meines Geistes die Frische urwüchsiger Animalität aufsteigt. Dann springe ich kopfüber ins Wasser, tauche unter und beobachte, wie die Wellen des Flusses gegen die Wellen der Atmung meiner Brust schlagen. Ich steige danach heraus und strecke mich auf das Gras der Wiese, mit gespreizten Beinen und die Arme fast überkreuzt, um mehr Erde zu umfassen, und während der Wind mit dem Gras meine Haare netzt, spüre ich, als ob mir bei der Berührung des Bodens Wurzeln sprössen, und ich schlummere ein. Da überkommt mich, mit dem Rauschen des Flusses und der Brise im Laub der Pappeln, das Träumen meiner Vegetabilität.

Ich pflege, wie ich dir gesagt habe, ein Buch mitzunehmen, jedoch, um nicht in ihm zu lesen. Kennst Du nicht den Reiz, ein Buch zur Hand zu haben, um nicht in ihm zu lesen? Es ist köstlich. Es höchstens zufällig aufzuschlagen, ein paar Worte zu lesen und es wieder zu schließen.

Vor zwei Tagen setzte ich mich mit meinem geistreichen Buch an den Fuß einer Pappel. Und ich dachte an die Bäume, die gefällt werden, um aus ihrem Holz Papierbrei zu machen, und aus diesem Papier Bücher. Lohnt es sich, einen Baum zu fällen, um ein Buch zu machen, einen ganzen Wald, um eine Bibliothek zu füllen? Ich weiß schon, Du wirst Dich hier für den Baum und das Buch aussprechen; ein gutes Buch, im Schatten eines dicht belaubten Baumes gelesen … Aber es handelt sich um eine Alternative: entweder das eine oder das andere. Ehrlich gestanden, wenn man mich vor die Wahl stellt, so verwahre ich mich dagegen, dass man einen Baum einem Buch opfert und einen Wald einer Bibliothek.

Neulich stattete mir unser Wissenschaftler L***, der hier in der Nähe auf Sommerfrische weilt, einen Besuch ab, und während ich, der Länge nach auf der Wiese hingestreckt, fühlte, wie ich in ihr Wurzeln schlug, erklärte er mir des langen und breiten, wie die Sonne ist, vor der wir jetzt flüchten, welche uns das Wasser des Flusses beschert, da sie es ist, die aus dem Meer und der Erde die Wolken emporhob, die ihren Schnee an den Felsen der Gebirge abluden, von wo der Fluss herabströmt. Und während er im Schatten saß und sich zum Sonnenanbeter erklärte, schlief ich mit meinem Buch in der Hand ein. Er nahm es mir aus derselben und machte sich daran, es zu lesen, bis ich aufwachte.

Aber unser Freund ist gegangen, und ich bin, wie es scheint, allein zurückgeblieben. Jedoch nicht so allein, wie es den Anschein hat. Da ich seine gelehrten Erklärungen nicht hören kann, mache mich auf die Suche nach Insekten, die mich unterhalten. Ich fange eines, lasse es wie beim Maibaumerklimmen ein Stöckchen hinaufklettern und sage mir: »Wenn es oben ankommt, das heißt, wenn es ans Ziel gelangt, was wird es dann wohl machen? Sicher wird es wegfliegen.« Du weißt ja, dass nach unseren Vorstellungen derjenige, der ans Ziel gelangt – diese so hohle Sache, die wir »ans Ziel gelangen« nennen -, nur zwei Möglichkeiten hat: dableiben oder wegfliegen. Nun gut, mein Käfer – es war ein Käfer -, kaum dass er am höchsten Punkt des Stöckchens angekommen war, machte eine volle Drehung und begann sehr philosophisch wieder hinunterzukrabbeln. Er hatte sofort begriffen, dass er dort oben nichts verloren hatte, und es schien ihm völlig gleichgültig zu sein, dass man ihn an der Spitze sähe. Als Philosophen lobe ich mir die Käfer, kein Zweifel.

Und welche Freiheit, lieber Emilio, liegt in der Verknüpfung dieser meiner sommerlichen Gedankengänge am Flussufer!
Doch vor allem, wie weit entfernt ist man von der gewöhnlichen und normalen geselligen Dummheit. Wie weit entfernt von der Trivialität, welche das Zusammenleben das gesellschaftlichen Lebens zwangsläufig hervorbringt! Wie weit entfernt vor allem vom Decorum, diesem lächerlichen Decorum, dem wir unsere innerste Heiligkeit opfern! Hier kann ich die Beine in die Luft heben und Erdbeeren mit dem Mund auf der Wiese auflesen, ja sogar das Quaken der Frösche oder das Blöken das Schafes nachahmen, ohne dass irgendein Blödkopf irgend etwas sagen kann. Es gibt nichts humorvolleres als die Natur und nichts, das es weniger wäre als die Gesellschaft. Hier inmitten der Natur ist es natürlich, dass ich ein Gebet unterbreche, um ein Wiehern auszustoßen oder ein paar Purzelbäume zu schlagen, um danach das Gebet wieder fortzusetzen. Hier verlangt mir niemand diese blöde logische Kongruenz ab, die, weit davon entfernt, die Grundlage eines Charakters zu sein, vielmehr seine Negation ist. 

Hast Du je darüber nachgedacht, was man einen Charakter nennt? Die Menschen, von denen man sagt, sie seien ein Charakter, sind so, dass man ein ganzes Jahr lang über sie lachen kann, ohne aufzuhören. Ihre nahezu einzige Sorge ist es, ihrem Typus getreu zu bleiben. Denn sie haben einen Typus. Oder, wie unser guter P*** sagt, sie imitieren sich selbst. Und wieviele gibt es nicht von der Sorte, die nichts tun, als sich selbst zu imitieren!

(Mehr schrieb Julián seinem Freund Emilio nicht. Er, der es liebte, nichts zu vollenden, vollendete diesen Brief nicht.)

Miguel de Unamuno, Freigeist.

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In jedem Winter sitz‘ ich mit der Hoffnung am Klavier, im nächsten Frühling es ein wenig anders zu machen und fasse nicht, warum ichs noch nicht gethan – mich nämlich neben die Bienen und das ganze kriechende übergoldete Thierreich ins Gras zu setzten unter Bäumen und so zu träumen und die schäumenden Becher des Frühlings auszuleeren. Warum that ichs noch nicht?

Jean Paul, Freigeist.