Diagnose: Ausgebrannt
Volkskrankheit Burnout: Immer mehr Menschen kommen mit dem hohen Leistungsdruck, den hohen Ansprüchen ihres Chefs und der Konkurrenzsituation am Arbeitsplatz nicht mehr klar – und werden krank. Persönliche Unzulänglichkeiten? Nein, sagen Psychologen: Burnout ist die Folge eines Systems, das nur Leistung und Erfolg kennt. (…)
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(aus einem unvollendeten und unvollendbaren Brief)
Hier gibt es am Ufer des Flusses eine Wiese und neben ihrem frischen Grün einen Pappelhain, durch den keine Sonne dringt. Dorthin pflege ich jeden Morgen zu gehen, ein Buch unterm Arm, in dem ich niemals lese.
Zuallererst das Bad. Ich werfe mich fast nackt auf die Wiese, wälze mich auf ihr, und da mir das Gras nicht mundet, verstreue ich Erdbeeren darauf, um sie eine nach der anderen mit dem Mund aufzulesen, ohne die Hand zu gebrauchen. Und mir scheint, dass aus dem tiefsten Grunde meines Geistes die Frische urwüchsiger Animalität aufsteigt. Dann springe ich kopfüber ins Wasser, tauche unter und beobachte, wie die Wellen des Flusses gegen die Wellen der Atmung meiner Brust schlagen. Ich steige danach heraus und strecke mich auf das Gras der Wiese, mit gespreizten Beinen und die Arme fast überkreuzt, um mehr Erde zu umfassen, und während der Wind mit dem Gras meine Haare netzt, spüre ich, als ob mir bei der Berührung des Bodens Wurzeln sprössen, und ich schlummere ein. Da überkommt mich, mit dem Rauschen des Flusses und der Brise im Laub der Pappeln, das Träumen meiner Vegetabilität.
Vor zwei Tagen setzte ich mich mit meinem geistreichen Buch an den Fuß einer Pappel. Und ich dachte an die Bäume, die gefällt werden, um aus ihrem Holz Papierbrei zu machen, und aus diesem Papier Bücher. Lohnt es sich, einen Baum zu fällen, um ein Buch zu machen, einen ganzen Wald, um eine Bibliothek zu füllen? Ich weiß schon, Du wirst Dich hier für den Baum und das Buch aussprechen; ein gutes Buch, im Schatten eines dicht belaubten Baumes gelesen … Aber es handelt sich um eine Alternative: entweder das eine oder das andere. Ehrlich gestanden, wenn man mich vor die Wahl stellt, so verwahre ich mich dagegen, dass man einen Baum einem Buch opfert und einen Wald einer Bibliothek.
Aber unser Freund ist gegangen, und ich bin, wie es scheint, allein zurückgeblieben. Jedoch nicht so allein, wie es den Anschein hat. Da ich seine gelehrten Erklärungen nicht hören kann, mache mich auf die Suche nach Insekten, die mich unterhalten. Ich fange eines, lasse es wie beim Maibaumerklimmen ein Stöckchen hinaufklettern und sage mir: »Wenn es oben ankommt, das heißt, wenn es ans Ziel gelangt, was wird es dann wohl machen? Sicher wird es wegfliegen.« Du weißt ja, dass nach unseren Vorstellungen derjenige, der ans Ziel gelangt – diese so hohle Sache, die wir »ans Ziel gelangen« nennen -, nur zwei Möglichkeiten hat: dableiben oder wegfliegen. Nun gut, mein Käfer – es war ein Käfer -, kaum dass er am höchsten Punkt des Stöckchens angekommen war, machte eine volle Drehung und begann sehr philosophisch wieder hinunterzukrabbeln. Er hatte sofort begriffen, dass er dort oben nichts verloren hatte, und es schien ihm völlig gleichgültig zu sein, dass man ihn an der Spitze sähe. Als Philosophen lobe ich mir die Käfer, kein Zweifel.
Hast Du je darüber nachgedacht, was man einen Charakter nennt? Die Menschen, von denen man sagt, sie seien ein Charakter, sind so, dass man ein ganzes Jahr lang über sie lachen kann, ohne aufzuhören. Ihre nahezu einzige Sorge ist es, ihrem Typus getreu zu bleiben. Denn sie haben einen Typus. Oder, wie unser guter P*** sagt, sie imitieren sich selbst. Und wieviele gibt es nicht von der Sorte, die nichts tun, als sich selbst zu imitieren!
Miguel de Unamuno, Freigeist.
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In jedem Winter sitz’ ich mit der Hoffnung am Klavier, im nächsten Frühling es ein wenig anders zu machen und fasse nicht, warum ichs noch nicht gethan - mich nämlich neben die Bienen und das ganze kriechende übergoldete Thierreich ins Gras zu setzten unter Bäumen und so zu träumen und die schäumenden Becher des Frühlings auszuleeren. Warum that ichs noch nicht?
Jean Paul, Freigeist.