Archiv für den Monat: April 2010

Euro-Freigeistiges über das €-Europa…


WEITERE SORGEN IN EURO-ZONE
Griechenland-Rating auf Ramschstatus. Griechen können auf Finanz märkten kein Geld mehr aufnehmen – Auch Portugals Kreditwürdigkeit abgestuft – Aktienmärkte reagieren mit Verlusten. (…)

Der Standard, Printausgabe vom 27. April 2010


„Es ist ein Trugschluss zu glauben, aus gemeinsamen ökonomischen Interessen erwachse automatisch politische Einheit. Gemeinsame ökonomische Interessen haben nicht einmal in unserer Zeit zwei grauenhafte europäische Kriege verhindert. Beide male ist das komplizierte Geflecht der internationalen europäischen Wirtschaftsbeziehungen ohne ein Wimpernzucken zerrissen worden. Eine die Welt verändernde historische Revolution wie die Vereinigung Europas kann nicht durch die Hintertür der Ökonomie erreicht werden.“

Sebastian Haffner, Freigeist, (London, Observer, 1948)


“ Aber nicht allein vor dem ummauerten Europa der Union bröckelt der Zerfall, er ergreift vielmehr das Europa der Integration selber, wobei er auch hier nicht schicksalhaft über die Menschen kommt, sondern geradezu planvoll in Angriff genommen wird. Die Währungsunion, deren Vorbereitung immerhin die Hälfte des Kontinents von den Segnungen Europas ausschließt, kehrt sich als Waffe der Disintegration gegen das von ihr selbstgeschaffene Gebilde, und das Sprengmittel der Disintegration wird die gemeinsame Währung, der Euro sein.

Zwar hat die Europäische Union inmitten der heranflutenden Barbaren eine Kaste von approbierten Europäern, die Bürger der Europäischen Union, geschaffen – aber was wäre das für eine europäische Erfindung gewesen, die immerhin im Inneren der Festung alle als gleich verstünde. Dass sich auch im Europa des Wohlstands die uralten Bevorrechtungen und Standesunterschiede zwischen den Nationen erhalten, dass ökonomischer Vorteil von den einen nicht einfach preisgegeben oder als Motor einer gesamteuropäischen Entwicklung eingesetzt werde, wird die Währungsunion zuverlässig als Trennmittel fungieren.

»Kerneuropa«, wie es als bevorrechtetes Europa innerhalb des bevorrechteten Teiles von Europa konzipiert wurde, ist also eine ureuropäische Idee, und es ist kein Zufall, dass sie gerade dort großen Zuspruch findet, wo der Nationalismus einst besonders stark war und das Lied von der Überwindung des Nationalismus in einem einigen Europa heute besonders laut gegrölt wird. Um in einer veränderten Welt überleben zu können, darf sich der Nationalismus nicht mehr borniert und unbelehrbar als der Rüpel geben, der er immer war, muss er das gemeine Spiel seiner Muskeln vielmehr mit einem eleganten europäischen Faltenwurf drapieren.

Die Währungsunion mit der genialen Erfindung einer Währung, die gemeinsam ist, aber nicht für alle, weil einige nicht nur gleicher als gleich, sondern auch gemeinsamer als gemeinsam sind, also wieder ganz unter sich, die Währungsunion wird es den mächtigen Staaten, der Grande Nation und dem einig Vaterland, ermöglichen, zugleich ihre nationalistischen Ziele rücksichtslos zu verfechten und dabei doch als die besseren Europäer zu erscheinen. Sage einer, das Europa der Ökonomen wäre ein phantasieloses Gebilde!

Karl-Markus Gauß, Freigeist. (Europäisches Alphabet, 1997)