Freigeistige Kommunikation über die Kommunikationsmedien…

 

Studie: Pressefreiheit nimmt weltweit ab
Die Pressefreiheit ist nach einer US-Studie weltweit zunehmend von Einschränkungen betroffen. Im vergangenen Jahr sei die Arbeit von Journalisten vor allem im Iran im Zuge der Proteste nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl deutlich behindert worden, wie aus einer heute veröffentlichten Erhebung der US-Organisation Freedom House hervorgeht. Russland bleibe unverändert „eines der am meisten eingeschränkten und gefährlichsten Medienumfelder der Welt“. In Westeuropa gab es Kritik an Italien, wo ein zu großer Einfluss der Regierung von Silvio Berlusconi auf die Medien konstatiert wurde. (…)

ORF, NEWS, 29. April 2010


Meinung (öffentliche und private)

Die Medien sind zur Ausübung der demokratischen Staatsbürgerschaft unverzichtbar. Sie schaffen den öffentlichen Raum, in dem sich die Bürger virtuell treffen, wo sie Informationen austauschen, von Klatsch und von Gerüchten erfahren, Diskussionen beiwohnen und die Vorschläge der politischen Machthaber kennenlernen. Was in der Demokratie im alten Athen die Agora war, der öffentliche Platz, zu dem man hinging, um die anderen zu sehen und zu hören, das sind heutzutage die Printmedien, die Radio- und Fernsehsender, die Bloggs und das hochkomplexe Internet.

Kommunikationsmedien können nie vollkommen neutral oder objektiv sein. Es mag durchaus möglich sein, über Ereignisse und Umstände zu berichten und sie zu kommentieren, ohne gleich Partei zu ergreifen, aber natürlich wählt man nur einen Standpunkt unter vielen. Wenn verschiedene im selben Zimmer versammelte Personen den anderen erzählen sollen, was sie durch das Fenster sehen, kann man davon ausgehen, dass jeder von ihnen einzelne Gegebenheiten oder Züge der Landschaft hervorheben und andere übergehen wird, je nach seiner Interessenlage, seiner Bildung seinen ästhetischen Vorlieben oder seinen moralischen Werten.

Um dem anderen berichten zu können, was es zu sehen gibt, muss man erst einmal selbst gewahr werden, was Sache ist: Wir nehmen nur wahr, was uns anspricht, was uns im Einklang mit dem, was wir sind und suchen, relevant erscheint. Manchmal geben wir anderen damit mehr über uns selbst preis als über die Wirklichkeit. Ganz zu schweigen von dem Willen, das Gegenüber zu täuschen oder zu manipulieren (einschließlich der Orientierungshilfe zu seinem Besten), der bei großen Informationsmedien nie ganz fehlt.

Doch nur so kann man lernen, wie man die notwendigen Informationen sucht und kritisch beleuchtet (es sollte ein Schulfach geben, in dem man lernt, wie man Zeitung liest, fernsieht, Radio hört oder mit Internetquellen umgeht). Eine einzige Nachrichtenquelle – ob gedruckt oder audiovisuell – ist niemals ausreichend, so vertrauenswürdig wir sie auch einstufen. Wir müssen lernen zu hinterfragen, warum wir manche Standpunkte ungeprüft oder leichter annehmen als andere (Vorurteile sind fast unvermeidlich, aber es kann nicht schaden, sich hin und wieder einer Gewissensprüfung zu unterziehen und ihnen auf die Spur zu kommen, damit wir uns nicht von ihnen beherrschen lassen). 

Das Ziel ist nicht – darf es nicht sein – einer feststehende »öffentliche Meinung« zu schaffen, sondern eine ausreichend fundierte und begründete »persönliche Meinung« zu haben. Hannah Arendt hat zwischen beidem wohl unterschieden: Die sogenannte »öffentliche Meinung« hat etwas Gebieterisches und sogar Totalitäres (ist sie erst einmal festgelegt, haben die Bürger Angst, von ihr abzuweichen, und akzeptieren sie wie einen Automatismus in ihrem Leben), die »persönliche Meinung« hingegen zeichnet den reifen Bürger aus, das heißt denjenigen, der gegen den Mangel an Wissen ankämpft, der unsere Freiheit einschränkt.

Natürlich muss diese persönliche Meinung nicht zwangsläufig abweichen oder der allgemeinen zuwiderlaufen (diejenigen, die der Mehrheit immer widersprechen, sind genauso auf dem Holzweg wie die größten Konformisten): Entscheidend ist, wie man sich seine Meinung bildet, nicht die »Originalität« derselben. Es gilt, seinen Wissensstand selbstständig zu erweitern, um besser denken zu können, und nicht fremdes, unkritisch angenommenes Wissen anzuhäufen, das uns von der Aufgabe entbindet, eigenständig zu denken.

Fernando Savater, Freigeist.