Archiv für den Monat: Februar 2010

Freigeistgedanken zu den Menschen im Dreiländereck…

 

“ Freundlich sind dort die Menschen. Sie haben das schöne Bedürfnis, einander zu fragen, ob sie einander unterstützen können. Sie gehen nicht gleichgültig aneinander vorbei, aber ebensowenig belästigen sie einander. Liebevoll sind sie, aber nicht neugierig. Sie nähern sich einander, aber sie quälen einander nicht. Wer dort unglücklich ist, ist es nicht lange, und wer sich dort wohl fühlt, ist nicht dafür übermütig. Die Menschen die dort wohnen, wo die Gedanken wohnen, sind weit davon entfernt, eine Lust in irgend jemand anderes Unlust zu finden und eine abscheuliche Freude zu fühlen, wo ein anderer sich in Verlegenheit befindet. Sie schämen sich dort jeglicher Schadenfreude; lieber sind sie selber beschädigt, als dass sie gerne sähen, wie ein anderer Schaden nimmt. Diese Menschen haben insofern ein Bedürfnis nach Schönheit, als die nicht gerne ihres Mitmenschen Schaden sehen. Alle Leute wünschen dort allen nur das Beste. Keiner lebt dort, der nur sich selber Gutes wünscht und nur seine Frau und seine Kinder wohl aufgehoben wissen will. Er will, dass auch des andern Frau und des andern Kinder sich glücklich fühlen. Wenn ein Mensch dort irgend einen Unglücklichen sieht, ist sein eigenes Glück auch bereits zerstört, denn dort, wo die Nächstenliebe wohnt, ist die Menschheit eine Familie, und es kann dort niemand glücklich sein, wenn nicht jedermann es ist. Neid und Missgunst sind unbekannt, und die Rache ist ein Ding der Unmöglichkeit. Kein Mensch ist dort den andern im Weg, es triumphiert keiner über den andern. Wo einer Schwächen an den Tag legt, findet sich niemand, der sie sich alsogleich zu Nutzen macht, denn es nehmen alle schöne Rücksicht aufeinander. Der Starke und Mächtige kann dort nicht Bewunderung ernten, denn alle besitzen eine ähnliche Kraft und üben eine gleichmäßige Macht aus. Die Menschen geben und nehmen in anmutigem, Vernunft und Verstand nicht verletzenden Wechsel. Liebe ist dort das bedeutendste Gesetz, Freundschaft die vorderste Regel. Arm und Reich gibt es nicht. Keine Könige und keine Kaiser hat es dort, wo der gesunde Mensch wohnt, je gegeben. Die Frau herrscht dort nicht über den Mann, der Mann aber ebensowenig über die Frau. Es herrscht niemand, ausser jedermann über sich selbst. Alles dient dort allem, und der Sinn der Welt geht deutlich dahin, den Schmerz zu beseitigen. Niemand will genießen; die Folge ist, dass alle es tun. Alle wollen arm sein; hieraus folgt, dass niemand arm ist. Dort, dort ist es schön, dort möchte ich leben. Unter Menschen, die sich frei fühlen, weil sie sich beschränken, möchte ich leben. Unter Menschen, die einander achten, möchte ich leben. Unter Menschen, die keine Angst kennen, möchte ich leben. Ich sehe wohl ein, dass ich phantasiere. „

Robert Walser, Freigeist.
 (Aus: »Phantasieren«, April 1915. Auf die Aufforderung des »Zeit-Echo«, aus seiner Sicht auf die Kriegsereignisse einzugehen, sandte Walser die Darstellung einer Friedensutopie ein.)