Freigeistgedanken über den Sexus…

 

Wirbel um Swingerclub-Installation von Christoph Büchel Wien – Hohe Wellen schlägt seit dem Wochenende die neue Ausstellung von Christoph Büchel in der Secession: Der Schweizer Künstler, der bereits vor einigen Jahren in Kassel ein Solarium, einen Billig-Supermarkt und ein Wettbüro im Fridericianum installiert hat, bespielt das Untergeschoß der Secession nun mit einem echten Swingerclub. (…)

Der Standard/Printausgabe, 22. Februar 2010
 
THEMA KUNSTSKANDALE Das komplizierte Verhältnis von Kunst und Pornographie: Mit dem Sündenfall begann auch das Bewusstsein für eine Blöße, die zu bedecken war. (…) Pornojäger sind in liberalen Gesellschaften in der Defensive; an dem grundlegenden Konflikt hat sich nichts geändert: Die Freiheit ist ein hoher Wert, doch wo und wie kann sich heute jene individuelle Autonomie entwickeln, die allein mit der Freiheit umgehen kann? Darauf gibt die Kunst immer noch die besten Antworten. 

Der Standard/Printausgabe, 27./28. Februar 2010


“ Für mich ist der Sexus, immer schon, nicht nur Verproviantierung mit Glücksimpulsen, Lebenszufuhr, ja Lebensanklammerung, sondern das reine Mysterienspiel. In diesem Sinne ist mir die Frau, losgelöst gewissermaßen von der Person, wirklich der Ursprung der Welt (wie Courbets Bild der gespreizten Beine und der bloßen Vagina betitelt ist). Ich könnte mich ja wirklich fragen, warum unausgesetzt bis in mein heutiges Alter die Vorstellung der nackten Weiblichkeit mir dermaßen unausweichliche Verlockung und Verhexung darstellt. Woher die unstillbare Lust, wenn nicht Hörigkeit: mich dahineinwühlen zu wollen bis zum Untergang. Verschlinge mich, Schlange.

Es ist dieser BAUCH, dem meine Obsession gilt, dem Glücksversprechen. Es ist mehr als »die süßen Quälereien der Fleischlichkeit«, mehr als Sinneslust, es ist Urgewalt. Sie ist bei den Frauen. Sie haben diese tickende Bombe, das süße Vermögen, die Urgewalt intus, ob sie wollen oder nicht. Und wir haben den Affen des Triebs auf dem Buckel. Die Frau kann Klavierspielerin oder Pilotin, Magd, Serviererin, Polizistin sein, dem Manne gleich. Doch hat sie die Urgewalt der Gebärerin im Leibe und in ihren Sinnen das Liebesvermögen, das den Mann anzieht, bezirzt und schließlich vereinnahmt. Er will hinab zu den Ursprüngen, um, ja, was zu erkunden, zu erfahren? Da er es nie begreift, muss er immer von neuem tauchen.

Und dann ist es wie bei der künstlerischen Schöpfung. Er ist der Erkenntnis nahe, doch nahe daran, verfällt er in Blindheit, er wird es nie haben. Er kann einzig teilhaben am Mysterium, und zwar im Akte. Er kann nie ankommen, es sei denn im Tode. Und es bleibt das Lächeln der Sphinx, das nachlässige Lächeln der Wissenden. Sie kann ihr Wissen nicht weitergeben. Es bleibt in ihr. Verschlossen im Bauch. „

Paul Nizon, Freigeist.
(Aus: »Die Zettel des Kuriers«, Journal 1990-1999)