Freigeistiges Lob der Torheit… (I)

 

Die Torheit spricht: Was auch immer der große Haufen von mir sagt — ich weiß sehr gut, in welch schlechtem Ruf die Torheit sogar bei den ärgsten Dummköpfen steht —, ich behaupte dennoch, aus eigener Macht Götter und Menschen erheitern zu können. Das beweist schon der plötzliche Anflug ungewöhnlicher Heiterkeit auf euren Zügen in dem Augenblick, da ich mich in dieser großen Gesellschaft zu Wort melde. Eure Stirn glättet sich, und ihr zeigt mir froh und liebenswürdig ein beifälliges Lächeln. Wenn ich euch so vor mir sehe, erscheint ihr mir trunken von Nektar wie die homerischen Götter, wo ihr doch eben noch trübsinnig und bekümmert dasaßet.

°

Schließlich halte ich es mit dem alten Sprichwort, daß jeder ein Recht hat, sich zu loben, wenn ihm kein anderer den Gefallen tut. Ich wundere mich manchmal über die menschliche Undankbarkeit und Säumigkeit, da seit Anbeginn der Welt bisher noch keiner aufstand und mit dankbarer Rede das Lob der Torheit feierte, wo doch alle voll Eifer in meinem Dienst stehen und mit Freude meine Wohltaten wahrnehmen. Es fanden sich genug Menschen, die das Lob des Busiris, des Phalaris, des viertägigen Fiebers, der Fliegen, der Glatzen und ähnlicher Absonderlichkeiten in nächtelanger Arbeit gesungen haben. Von mir sollt ihr aus dem Stegreif eine mühelose, aber um so treffendere Lobrede hören.

° Welcher Mann würde den Kopf unter das Joch des Ehestands beugen, wenn er nach der Gewohnheit jener Weisheitsapostel zuvor bei sich die Nachteile jenes Lebens erwogen hätte? Oder welche Frau würde sich einem Manne hingeben, wenn sie die Mühen und Gefahren der Geburt und die Last der Erziehung kennen würde oder überlegt hätte? Wenn ihr also der ehelichen Vereinigung das Leben dankt, die Ehe aber der Unbesonnenheit und ihrem Gefolge, seht ihr doch ein, was ihr mir dankt. Welche Frau würde dies alles, nachdem sie es einmal erfahren hat, wiederholen wollen, wenn die Göttin Vergessenheit nicht einspränge? Selbst Venus würde — mag Lukrez abstreiten, soviel er will — damit einverstanden sein müssen, daß ihre Macht ohne unsern göttlichen Beistand kümmerlich und wirkungslos ist. So gehen also aus diesem Spiel unserer lächerlichen Benommenheit sogar die finstern Weisheitslehrer hervor, deren Stelle heutzutage die sogenannten Mönche einnehmen, die Purpurträger, die frommen Priester und die dreimal heiligen Päpste.

° Immerhin wollen wir den ganzen Sachverhalt im einzelnen nachweisen. Jedermann weiß, daß die Kindheit dem Menschen das fröhlichste und lieblichste Alter ist. Was hätscheln, liebkosen und pflegen wir an den Kindern denn so, daß sogar der Feind diesem Alter hilfreich zur Seite steht? Doch nur die verführerische Macht der Torheit! Wohlbedacht legte die Natur den Neugeborenen diese in die Wiege, damit sie durch das Handgeld des Vergnügens die Mühen der Erzieher versüßen und sich die Gunst der Pfleger erschmeicheln. Wie beliebt ist dann bei allen erst die Jugendzeit, wie ausnehmend gewogen sind ihr alle, wie eifrig bilden alle sie und wie pfleglich reichen sie ihr die hilfreichen Hände?  Woher rührt denn nun dieser Glanz der Jugend? Woher anders als von mir? Von mir hat sie jenes Mindestmaß an Einsicht und kennt darum auch so wenig Kummer. Ich will ein Lügner heißen, wenn die Menschen nicht bei zunehmendem Alter, sobald sie durch Erfahrung und Zucht männliche Einsicht gewinnen, alsbald die Blüte der Jugend einbüßen, ihr Feuer verlieren, statt Anmut Kälte und statt Frische Lahmheit zeigen. Je mehr der Mensch sich von mir entfernt, um so mehr schwindet seine Lebenskraft, bis schließlich das beschwerliche Greisenalter kommt, das nicht nur anderen, sondern sogar sich selbst zur Last fällt. Dieses selbst wiederum würde keinem Menschen erträglich sein, wenn ich nicht in solch jammervollem Elend meine Hilfe leihen würde. ° Der Mann, der für staatliche Aufgaben bestimmt ist, mußte natürlich mit einem Quentchen mehr an Vernunft besprengt werden, damit er sie nach Kräften bewähre. Wie bei allem anderen zog er mich auch hier zu Rate, und ich beriet ihn nach meiner Weise: Er solle sich ein Weib nehmen, jenes ebenso dumme und läppische wie ergötzliche und reizvolle Wesen. Mit seiner Torheit sollte es in häuslicher Gemeinschaft die finstere Würde des männlichen Geistes würzen und versüßen. Denn mit seinem Zweifel, ob die Frau zu den vernünftigen oder zu den stumpfsinnigen Lebewesen zu zählen sei, wollte Platon nur die auffallende Torheit dieses Geschlechtes kennzeichnen. Ein Blaustrumpf ist also in Wirklichkeit nur doppelt töricht, wie wenn jemand ein Stück Rindvieh wider den offenbaren Willen der Minerva, wie man sagt, salben ließe. Es verdoppelt nur den Fehler, wer wider die Natur die Schminke der Tugend auflegt und seine Anlagen verfälscht. Wie nach dem griechischen Sprichwort ein Affe immer ein Affe bleibt, und wenn er in Purpur gewandet wäre, so ist auch ein Weib immer Weib, das heißt töricht, welche Maske es auch immer aufsetzt. Ich will aber nicht annehmen, daß die Frauen so töricht sind, mir zu zürnen, weil ich ihnen, als Torheit doch selbst eine Frau, Torheit nachsage. Wenn sie die Dinge nämlich recht überlegen, müssen sie dies gerade der Torheit zugute halten, daß sie in vielen Dingen glücklicher sind als die Männer. Da ist zunächst einmal die Anmut der Erscheinung, die sie mit Recht allem ändern vorziehen und mit deren Macht sie die Tyrannen selbst tyrannisieren. Woher kommt denn anders die Unansehnlichkeit des Äußeren, die rauhe Haut, das Bartgestrüpp, doch offenbar etwas Greisenhaftes beim Manne, als von der unziemlichen Klugheit? Das glatte Kinn, die gleichbleibend hohe Stimmlage und die weiche Haut der Frauen deuten dagegen auf eine stete Jugend. Was wünschen sie auch anderes in diesem Leben, als ihren Männern soviel wie möglich zu gefallen? Darum geht es doch bei all der Körperpflege, bei all diesem Aufwand, diesen Bädern, diesem Schmuck, den Salben und Duftstoffen, bei all dieser Kunstentfaltung im Mienenspiel, im Augenzwinkern und im Schminken. Sind sie denn den Männern durch irgend etwas mehr empfohlen als durch die Torheit? Was lassen sie den Frauen nicht alles durchgehen? Könnte sie aber etwas anderes dazu bewegen als das Vergnügen? Das aber bereiten die Frauen durch nichts anderes als durch die Torheit. Wer überlegt, was ein Mann für läppisches Zeug mit einer Frau schwätzt, was für einen Unfug er treibt, sooft er sich mit einer Frau seine Freude machen will, wird das nicht abstreiten. Da seht ihr also, aus welchem Urquell der Reiz des Lebens vor allem stammt.Viele, besonders die Greise, haben mehr Liebe zur Flasche als zu den Frauen und finden das höchste Vergnügen in Zechgelagen. Andere mögen untersuchen, ob es überhaupt ein feines Gastmahl  gibt ohne Frauengesellschaft, mindestens steht aber fest, daß keines ohne die Würze der Torheit den geringsten Anspruch auf Behaglichkeit hat. Vermißt man irgendwo einen Menschen, der die Gesellschaft mit törichtem Wesen oder Possen zum Lachen reizt, holt man sich wohl gar einen Possenreißer gegen Geld oder sonst einen lächerlichen Schmarotzer, der mit witzigen Sarkasmen der Gesellschaft Stumpfsinn und Trübsal fernhält. Was nützt es, den Bauch mit so viel Zuckerwerk, Leckerei und Feinkost zu beladen, wenn nicht gleichzeitig Augen und Ohren, ja der ganze Sinn sich an Lachen, Scherzen und heiterem Witz weiden können. Köstlichkeiten solcher Art kann ich nur zustande bringen. Die vielerlei beliebten Ergötzungen bei Gelagen, zum Beispiel den König auswürfeln, Umtrunk, Rundgesang, Tanz und Pantomimen sind nicht von den sieben Weisen Griechenlands, sondern von uns zum Wohle der Menschheit erfunden worden. Es liegt im Wesen dieser Dinge, daß sie dem menschlichen Leben um so bekömmlicher sind, je mehr Torheit sie enthalten. Darum würde das Leben nicht einmal seinen Namen verdienen, wenn es trübselig wäre. Es müßte aber so sein, wenn der angeborene Überdruß nicht mit solchen Reizmitteln weggespült würde.

° Man hole sich einen weisen Mann zu einem Gelage: Entweder ist er in brütendes Schweigen versunken, oder er stört mit aufdringlichem Problematisieren. Bittet man ihn zum Tanz, möchte man glauben, ein Kamel schwinge das Tanzbein. Bei öffentlichen Vorführungen bringt er das Volk durch seine Miene um das Vergnügen, und man zwingt den weisen Cato, das Theater zu verlassen, wenn er seine finstere Miene nicht ablegen kann. Kommt er zu einem Gespräch hinzu, stockt die Unterhaltung gleich. Gilt es einen Kauf zu tun, einen Vertrag zu schließen, kurz, irgendeine unvermeidliche Angelegenheit des täglichen Lebens zu erledigen, vermeinst du in dem Weisen einen Stock zu sehen, aber keinen Menschen. Weder sich selbst noch seinem Vaterlande noch seinen Verwandten bringt er jemals den geringsten Nutzen, weil er keine Lebenserfahrung hat, weil er von der öffentlichen Meinung und von den bürgerlichen Gewohnheiten völlig absticht. Natürlich muß solche Ungewöhnlichkeit der Lebensführung und der 
Geistesart Haß erzeugen. Gibt es denn unter Menschen überhaupt eine Erscheinung, die nicht voll Torheit steckte, bei der Ausführende und Betroffene nicht töricht wären? Wenn einer sich dem gemeinen Wesen widersetzen wollte, würde ich ihm den Rat geben, es wie der Athener Timon zu machen, sich in eine Einöde zu verkriechen und dort allein seine Weisheit zu genießen.

° Bedarf es noch eines Wortes über die Professoren der Künste und Wissenschaften? Deren Eigenliebe ist ja allgemein so stark, daß man eher einen findet, der sein väterliches Gut als seinen Anspruch auf Geist aufgibt. Besonders bei den Schauspielern, Sängern, Rednern wiegt jeder sich um so mehr, in Selbstgefälligkeit, brüstet sich um so stärker und macht sich um so breiter, je dümmer er ist. Jeder Bottich findet seinen passenden Kohl, und je läppischer jemand ist, um so mehr Bewunderer sucht er zu werben, wie ja das dümmste Zeug immer den größten Anklang findet, da die Mehrzahl der Menschen, wie wir schon sagten, der Torheit verschworen ist. Da also das persönliche Behagen und die Bewunderung der Masse mit zunehmender Dummheit steigt, wer möchte da echte Bildung vorziehen, die viel kostet, Kummer und Angst verursacht und schließlich nur bei wenigen Anerkennung findet?

° Den törichtesten und schmutzigsten Haufen von allen stellen die Kaufleute dar, weil sie ja das widerwärtigste aller Geschäfte, und das noch auf die widerwärtigste Art betreiben. Während sie frisch draufloslügen, Meineide schwören, stehlen, betrügen und blauen Dunst vormachen, gebärden sie sich im Bewußtsein ihres Reichtums wie Biedermänner ersten Ranges. Die Schmeichlergilde fehlt auch nicht, die sie in aller Öffentlichkeit bewundert und verehrt, damit nur ja von deren Einkünften auch ein bißchen für sie abfällt. Dann sieht man wieder jene merkwürdigen Pythagoreer, die von ihrer Theorie des Gemeinbesitzes so fest überzeugt sind, daß sie unbedenklich als rechtmäßige Erbschaft betrachten, was sie in einem unbewachten Augenblick an sich genommen haben. Andere finden ihr glückliches Genügen an behaglichen Reichtumsträumen, während manche wieder zu Hause absichtlich ein Hungerleben führen, um der Welt den reichen Mann zu spielen. Der eine verschwendet mit vollen Händen, während der andere rücksichtslos aufhäuft. Dieser bewirbt sich um alle möglichen öffentlichen Ämter, jener hat seine Freude am heimischen Herd. Wie viele führen endlose Prozesse und streiten, wo es nur etwas zu streiten gibt, um Richter und Advokaten zu bereichern, die nur in die Länge ziehen und auf Kosten ihrer Klienten leben. Während hier einer das Herkömmliche umgestalten will, müht sich dort jemand mit einer umwälzenden Erfindung ab. Da wallfahrtet jemand nach Jerusalem, Rom oder zum heiligen Jakob, wo er nichts zu suchen hat, und läßt dafür Weib und Kind im Stich. 

Erasmus von Rotterdam, Freigeist.
(Aus: »Lob der Torheit«, 1509)

Kommentieren